Während Zweifel an durchgreifenden Konsequenzen der katholischen Kirche im Missbrauchsskandal lauter werden, sorgt der Pfarrgemeinderat der Gemeinde St. Joseph in Tutzing (Kreis Starnberg) mit einem Alarmruf für Aufsehen auch in anderen Regionen. In einem Brief an Kardinal Reinhard Marx fordert er klarere Signale (siehe Kasten). Maßgeblich dazu beigetragen hat Schwester Katharina Rohrmann vom Tutzinger Kloster der Missions-Benediktinerinnen.
Überrascht Sie das starke Feedback?
Natürlich hatten wir gehofft, dass wir mit unserem Brief „den Nerv treffen“ und vielen Menschen aus der Gemeinde aus der Seele sprechen und eine Stimme geben. Trotzdem freuen uns selbstverständlich die positiven Rückmeldungen und ermutigen uns, auch zukünftig Augen, Ohren und Mund nicht zu verschließen vor wichtigen Anliegen und Themen.
Kann eine Pfarrei wie St. Joseph in so einer brisanten Angelegenheit etwas erreichen?
Sicher können wir als Pfarrei keine strukturellen Dinge oder das Kirchenrecht ändern, aber es ist wichtig, deutlich zu machen, dass auch wir Kirche sind, dass alle Glieder gehört werden sollen. Und dazu muss man aufstehen und sich Gehör verschaffen. Denn wenn alle denken würden „das bringt ja gar nichts, also lassen wir es gleich“ – dann würde sich wirklich gar nichts ändern. Außerdem wollen wir unsere Solidarität mit den Betroffenen deutlich machen, damit diese spüren, dass sie nicht allein gelassen sind.
Gibt es schon eine Reaktion von Kardinal Marx?
Nein, bisher haben wir noch keine Antwort von Kardinal Marx erhalten.
In seiner Silvesterpredigt hat Kardinal Marx eine Erneuerung der Kirche gefordert. Ist das die Antwort, die Sie erwartet haben?
Natürlich ist dies wichtig – aber die Erkenntnis, dass die Kirche eine „ecclesia semper reformanda“ ist, ist nicht neu. Auch wollen wir mit unseren Anfragen nicht alles über Bord werfen, aber es sind nun einmal Anfragen, Kritikpunkte und Ideen, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten unter den Gläubigen diskutiert werden – es wäre schön, wenn diese jetzt endlich ernsthaft angegangen würden.
Teilen Sie die zurzeit vielfach verbreitete Kritik, dass die Kirche vielen Fragen ausweicht und die Bischofskonferenz nicht zu tief greifenden Reformen bereit ist?
Die Frage ist hier, wer „die Kirche“ ist, die ausweicht. Ich denke, da muss man differenzieren. Denn es gibt schon viele Stimmen, auch unter Theologen, Bischöfen etc., die die aktuellen Fragen kritisch anschauen – und das zum Teil sehr deutlich. Auch kann eine Institution wie die Bischofskonferenz ihren einzelnen Mitgliedern ihr Gottes-, Menschen- und Kirchenbild nicht vorschreiben, da muss jeder Einzelne bei sich beginnen. Aber es ist gut, dass die Bischofskonferenz sich in ihrer Erklärung im Herbst zu Schritten verpflichtet hat – es ist nun wichtig, diese wirklich konsequent in die Tat umzusetzen und darüber auch zu berichten.
Sehen Sie die Zukunft der Kirche in Gefahr?
Ich sehe die Zukunft der Kirche nicht in Gefahr. Die Kirche hat eine Zukunft, ist eine Zukunft – es liegt auch an uns, wie diese Zukunft aussehen wird. Und schließlich habe ich das Vertrauen, dass der Heilige Geist einen viel längeren Atem hat als wir und alle Kirchenoberen.
Will der Tutzinger Pfarrgemeinderat es bei dem Brief bewenden lassen oder plant er weitere Schritte?
Wir werden das Thema auf jeden Fall im Blick behalten. Es wird im Februar einen weiteren offenen Gesprächsabend geben. Außerdem stehen wir gerne für Rückfragen und Diskussionen für alle Gemeindemitglieder und auch für Kardinal Marx zur Verfügung.
Interview: Lorenz Goslich