Mittenwald/München – Der grüne Bus hält im Schneegestöber mitten auf der Bundesstraße an. Die Türen öffnen sich, Fahrgäste steigen an der Fahrbahn aus, neue steigen zu. Per Nachricht aufs Handy sind Letztere informiert worden: „Lieber Fahrgast, aufgrund starkem Schneefalls ist es nicht möglich, die Haltestelle Mittenwald anzufahren. Bitte begeben Sie sich zur Bundesstraße, wo Sie unser Fahrer einsammelt.“
Die Szene, die sich bereits am Samstag an der B2 bei Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) abgespielt hat, aber erst jetzt bekannt wurde, hat es laut dem betroffenen Fernbus-Unternehmen nicht gegeben: Flixbus dementiert. Bilder zeigen allerdings, dass die Schilderungen der Wahrheit entsprechen. Dass ein Busfahrer seine Fahrgäste auf der Bundesstraße statt an der geräumten Haltestelle abgesetzt hat, dürfte ein Nachspiel haben: Ein Fahrgast hat die Polizei eingeschaltet.
Die hatte auch an anderer Stelle alle Hände voll zu tun: Auf mehreren Autobahnen staute sich der Verkehr am Mittwoch kilometerweit. Die A8 war bei Friedberg (Kreis Aichach-Friedberg) lange gesperrt, weil sich ein Autotransporter über alle drei Fahrbahnen quergestellt hatte. 20 Kilometer Stau waren es laut ADAC auf der A9 im Norden Münchens.
Schlecht befahrbare Straßen sind ein Grund, warum die Zahl der Schulausfälle täglich steigt. Beschränkten die sich Anfang der Woche auf die Kreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen, haben sich nun der Altlandkreis Schongau sowie die Kreise Starnberg und Garmisch-Partenkirchen angeschlossen – dort haben die Schüler heute frei. Grundschule und Gymnasium in Schäftlarn (Kreis München) bleiben auch am Freitag geschlossen. Ebenfalls betroffen: die Stadt Memmingen sowie die Kreise Traunstein, Rosenheim, Freyung, Regen, Berchtesgadener Land und Unterallgäu.
In Gilching (Kreis Starnberg) wurden zwei Turnhallen gesperrt – wie mehrere Hallen im Landkreis. Obwohl die Schneehöhe mit 20 bis 25 Zentimetern auf den Flachdächern relativ gering ist, will Bauamtsleiter Max Huber nichts riskieren. „Die Zusammensetzung ist das Hauptproblem“, sagt er. Der Schnee sei sehr feucht und schwer, könne aber nicht abfließen. Das wirke sich auf Flachdächer mit großen Spannweiten nachteilig aus.
Hausbesitzer in München und Umgebung brauchen sich noch keine Sorgen machen, sagt Statik-Professor Norbert Gebbeken. Wenn man wissen will, wie hoch die Schneelast auf dem Dach ist, sollte man ein zehn mal zehn Zentimeter großes Stück Schnee ausstechen und wiegen. Das Ergebnis mal hundert nehmen, und man erhält das Gewicht pro Quadratmeter. „Das sollte 100 Kilogramm nicht überschreiten“, sagt Gebbeken. Wenn doch, sei es ratsam, ein Dachdeckerunternehmen mit der Räumung zu beauftragen.
Schlechte Räumung war laut Bayerischer Oberlandbahn (BOB) der Grund für gravierende Bahnprobleme: Gegen Mittag stellte die BOB erneut den Betrieb fast komplett ein – nur die Strecke München-Holzkirchen war noch befahrbar. BOB-Chef Fabian Amini richtete bittere Vorwürfe an die DB Netz, die für den Unterhalt der Gleise zuständig ist. „Hier wurden die Wetterprognosen falsch eingeschätzt, nicht ausreichend und rechtzeitig Vorsorge getroffen“, sagte er. Auch Strecken im Allgäu waren gestern gesperrt.
Die meisten Skigebiete nahmen derweil den Betrieb wieder auf – am Brauneck standen die oberen Lifte am Mittwoch noch still. Auch der Blomberg bleibt gesperrt. Dass Wintersport an der falschen Stelle gefährlich sein kann, zeigt der Fall eines 45-jährigen Augsburgers: Er kam in Vorarlberg von seiner Skiroute ab, wurde von einem Schneebrett verschüttet und musste – unverletzt – die Nacht im Schnee verbringen. Am nächsten Tag traf er auf einen Tourengeher, der einen Notruf absetzte, weil er selbst kein Handy dabei hatte. Sein Abenteuer könnte ihn rund 3500 Euro kosten: Er wird für den Einsatz des Hubschraubers, der ihn ins Bergrettungsheim brachte, aufkommen müssen.
J. HORNSTEINER, D. WALTER, K. BRACK UND T. ELDERSCH