Frauen an die Urne

von Redaktion

Vor 100 Jahren: Die erste Landtagswahl nach der Revolution

Der 12. Januar 1919 ist für den Bayerischen Landtag ein historisches Datum – seltsam, dass daran im heutigen Parlament niemand erinnert. An diesem Tag vor nun 100 Jahren fanden im neuen Freistaat Bayern die ersten freien Wahlen statt, wenig später, am 2. Februar, dann auch in der Pfalz, die damals zu Bayern gehörte.

Selbstverständlich war das nicht. Schon um den Wahltermin hatte es viel Streit gegeben – Kurt Eisner, Revolutionär der ersten Stunde, hatte sich für einen möglichst späten Termin ausgesprochen, er setzte lange auf die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte als Treiber der Demokratisierung, dem Landtag stand er eher skeptisch gegenüber. Die gängige Haltung der Revolutionäre fasste Erich Mühsam mit nur einem Satz zusammen: „Die Revolution lässt sich nicht niederstimmen.“ Nur widerwillig beugten sie sich dem Druck.

Erstmals waren alle Bayern ab 21 Jahren wahlberechtigt – nun also auch die Frauen. Diese Errungenschaft der Revolution wird oft als Selbstverständlichkeit hingestellt. Das war es nicht. Wer zum Beispiel die Reden der kämpferischen Feministin Rosa Kempf liest, bekommt einen Eindruck davon, in wie vielen Bereichen die Frauen damals diskriminiert wurden.

Wahrscheinlich nie mehr schlüssig zu untersuchen – Wählerbefragungen gab es damals nicht – ist das Wahlverhalten der Frauen. Hartnäckig hält sich in der Literatur die Behauptung, die Frauen hätten mehrheitlich konservativ gewählt. Zu diesem Eindruck tragen wahrscheinlich die wenigen erhalten gebliebenen Fotos von Frauen vor Wahllokalen bei – sie zeigen nämlich Barmherzige Schwestern. Bei ihnen lag ja nahe, dass sie die christliche Partei wählten, also die Bayerische Volkspartei, die sich erst im November 1918 als Abspaltung der katholischen Zentrums-Partei um den legendären „Bauerndoktor“ Georg Heim gegründet hatte.

Tatsächlich war die BVP bei der Wahl klarer Sieger, sie erhielt fast 35 Prozent und 66 Sitze. Knapp dahinter lag die SPD, die auf knapp 33 Prozent kam (61 Sitze). Ihr Vorsitzender Erhard Auer hatte es abgelehnt, eine gemeinsame Liste mit Kurt Eisners Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) zu bilden – „es war abzusehen, dass die Mehrheitssozialdemokraten ein gutes Ergebnis erzielen würden, während die USPD unter ihrer kaum vorhandenen Parteistruktur, vor allem unter den ländlichen Gebieten, leiden würde“, wie der Historiker Markus Schmalzl schreibt.

In der Tat: Die USPD, die Partei des im Wahlkampf mit antisemitischer Tonlage als „Galizier“ geschmähten Revolutionärs Kurt Eisner, erlebte ein Wahldesaster. Sie kam in ganz Bayern auf nur 2,5 Prozent (3 Sitze), selbst in München erzielte sie nur fünf Prozent. Nur in Oberfranken erhielt sie über zehn Prozent. Speziell in Hof holte ihr Kandidat, der Redakteur Max Blumtritt, sogar die absolute Mehrheit. Blumtritt war dann neben Eisner und Arthur Tübel (Naila) einer von nur drei USPD-Abgeordneten. Nur wenig besser lief es für die USPD übrigens eine Woche später bei der Wahl zur deutschen Nationalversammlung – sie kam auf 3,6 Prozent, die BVP hingegen auf 34,6 Prozent, die SPD auf 33,6 Prozent.

Die Wahlbeteiligung bei dieser ersten demokratischen Landtagswahl war hoch: 86 Prozent. Unter den 180 Abgeordneten waren nur sieben Frauen. Die meisten damaligen Abgeordneten sind heute völlig vergessen (nur für 75 gibt es einen Wikipedia-Eintrag). Unter ihnen waren aber hoch angesehene Persönlichkeiten wie etwa Robert Piloty, der den Entwurf zur im September 1919 verabschiedeten „Bamberger Verfassung“ schrieb.

Insgesamt machten die Wahlen „unzweideutig klar, dass alle radikalen Kräfte verschwindende Minderheiten waren und der Ministerpräsident auf verlorenem Posten stand“, wie der Historiker Heinz Hürten urteilte. Eisner blieb vorerst im Amt, denn das Vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Januar 1919 hatte dem Landtag als einzige Aufgabe die Erarbeitung einer neuen Verfassung zugeschrieben. Der Druck auf ihn wurde jedoch immer stärker, er entschloss sich, bei der konstituierenden Sitzung des Landtags am 21. Februar seinen Rücktritt zu verkünden. Auf dem Weg dorthin wurde er durch den radikalisierten Leutnant Anton Graf von Arco-Valley erschossen.

DIRK WALTER

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„Als die Bayern Revoluzzer wurden – 100 Jahre Freistaat“, zu beziehen über bavariashop.de.

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