Der Schäfflertanz gehört zu München wie das Bier. Selbst die, die den Tanz der Fassmacher noch nicht live miterleben durften, kennen das Figurenspiel am Münchner Rathausturm. Das Schauspiel zieht jeden Tag die Touristen am Marienplatz in seinen Bann.
Doch warum tanzen die Schäffler überhaupt? Der Legende nach herrschte 1517 in München eine solch dramatische Pestepidemie, dass sich die Bürger kaum mehr vor die Tür trauten. „Als Erstes soll eine Gruppe von Schäfflern den Mut gefasst haben und ist singend und tanzend durch die Straßen gezogen“, sagt Wilhelm Schmid, Eigner einer Fassfabrik in München-Laim und 1. Vorsitzender des Fachvereins der Schäffler Münchens. Mit ihrem Tanz erweckten die Männer die Stadt so zu neuem Leben.
Ob es allerdings vor 502 Jahren tatsächlich eine Pestepidemie in München gab, ist umstritten. Das offizielle Sterberegister für das Jahr 1517 weist jedenfalls keine auffälligen Todesraten auf. Ebenso ist die Frage, warum nur alle sieben Jahre um die Faschingszeit getanzt wird, ungeklärt. Eine Version besagt, dass man der Pest einen siebenjährigen Turnus zuschrieb, den man mit dem Tanz zu durchbrechen hoffte. Andere Quellen verweisen auf einen Erlass Herzog Wilhelms IV., Beiname „der Standhafte“, weil die Sieben schon im Mittelalter als magische Zahl galt und seine persönliche Glückszahl gewesen sein soll.
Allerdings ist der Schäfflertanz erst ab dem Jahr 1702 überhaupt nachgewiesen und sein Siebenjahres-Turnus gar erst seit 1760 verbrieft. Da lag der standhafte Herzog, übrigens nachweislich Vater des bayerischen Reinheitsgebots, bereits seit 210 Jahren in seinem Grab in der Münchner Frauenkirche.
Wahrscheinlich stammt die Legende um die Entstehungsgeschichte des Tanzes wie das Kostüm der Schäffler aus der Biedermeierzeit. Und eines steht fest: Die stattlichen Männer mit den roten Jacken, der grünen Schlegelkappe und ihrem Pestband haben es zu großer Berühmtheit gebracht.
Bestehend aus 20 Tänzern, zwei Kasperln, einem Fähnrich sowie zwei – natürlich auf einem Fassl agierenden – Reifenschwingern, stellen die Schäffler den Verlauf der einstigen Pestepidemie in Tanzfiguren nach. So steht angeblich die „Schlange“ für den Lindwurm, der der Sage nach aus der Erde gekrochen kam und die Seuche mit seinem giftigen Hauch über der Stadt verbreitete. Die Formation „Laube“, bei der die Männer eng zusammenrücken, soll wiederum zeigen, wie sich die Menschen aus Angst vor dem schwarzen Tod in ihren Häusern verbarrikadierten. Doch selbst da gibt es Zweifel. „Das klingt zwar alles sehr nett, aber ob das wahr ist, weiß ich nicht“, sagt Wilhelm Schmid.
Der Auftakt zu jeder Saison gehört traditionsgemäß dem bayerischen Ministerpräsidenten und dem Münchner Stadtoberhaupt, also dem Oberbürgermeister. „Der erste Tanz gehörte früher immer dem Kurfürsten beziehungsweise dem König, und der Ministerpräsident ist ja quasi dessen Nachfolger“, sagt Schmid.
Der Tanz ist heute Sache des Fachvereins der Schäffler Münchens, dessen Vorsitzender Schmid ist. Er beherrscht das alte Handwerk noch. Ebenso sein Sohn Peter, einer der fünf „echten“ Schäffler in der Formation. „Ansonsten ist alles mit dabei“, sagt Wilhelm Schmid, „vom Hausmeister bis zum Banker. Echte Schäffler gibt es ja heute kaum mehr.“ Denn im Laufe der Zeit fanden sich nicht mehr ausreichend Schäffler, um den Tanz aufzuführen, weshalb mittlerweile auch andere Berufsgruppen mitmachen dürfen. Nachwuchsmangel hätte ansonsten womöglich ein Ende des jahrhundertealten Brauchs bedeutet.
Denn anstrengend ist das schon. Und auch nicht jedermanns Sache. Etwa ab Wiesnende und bis in den Januar hinein proben die Männer für den Schäfflertanz. Um die 450 Auftritte haben sie pro Saison, davon rund 150 in Schulen in und um München.
Christian Härtl, selbst zum fünften Mal dabei, mag die Schulauftritte besonders gerne. Schließlich war ein solcher Auftritt mit ausschlaggebend dafür, dass er heute mittanzt. Und weil er als Reifenschwinger auch die Moderation übernimmt, führt er eine ganz besondere Liste, nämlich die mit den Grundschulen der Tänzer. „So kann ich immer verraten, wer von uns hier zur Schule gegangen ist.“
Die meisten der insgesamt 40 Männer im Alter von 20 bis 57 Jahren nehmen für die Tanzsaison ihren kompletten Jahresurlaub. Seine Familie bekommt so ein Schäffler in dieser Zeit kaum zu Gesicht. Dafür ist er aber Teil eines echten Stücks Münchner Volkskultur.
Das nächste Mal
sind die Schäffler am Freitag, 18. Januar, ab 16 Uhr, im Innenhof des Deutschen Theaters zu sehen. Alle weiteren Termine findet man unter www.schäfflertanz.com