282 Soldatenschicksale

von Redaktion

Einzigartiges Buch: Die Männer aus Irschenberg im 1. Weltkrieg

Ein alter Koffer auf dem Dachboden eines Wirts aus Loiderding, einem Ortsteil von Irschenberg, diente Gisela Hennen als Startschuss für ihr Buch „Die Irschenberger im 1. Weltkrieg – Wenn endlich Frieden wäre“. In dem Koffer befanden sich Dokumente eines Mannes, der am 28. Juni 1914, am Tag des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, in Sarajewo war. Das brachte die geschichtsbegeisterte 81-Jährige auf die Idee, mehr über Männer aus ihrer Heimatgemeinde Irschenberg zu dieser Zeit herauszufinden.

Zweieinhalb Jahre bestand ein Großteil des Tages von Gisela Hennen aus Recherche. Ihre Motivation: „Ich will mit dem Buch den Menschen ein Gesicht geben.“ Josef Guggenbichler aus dem Ortsteil Frauenried war einer der 282 Soldaten, die Hennen während ihrer Recherche gefunden hat. Er zog zusammen mit seinen drei Brüdern in den Krieg und war ausschließlich an der Westfront stationiert. Er wurde als Pferdewärter eingesetzt. In seinen Briefen in die Heimat schreibt Guggenbichler, dass er und seine Kameraden keine verblendeten Patrioten waren: „Wir hoffen halt alle immer, was auch Ihr immer hofft, den baldigen Frieden.“

Auch das Schicksal von Balthasar und Josef Niggl konnte Hennen in den Kriegsstammrollen nachvollziehen. Das waren gewissermaßen die Personalakten der Soldaten. Die beiden Brüder kamen aus Loiderding und wurden an der Westfront eingesetzt. Josef kämpfte vor Verdun und erhielt 1918 das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. Balthasar war bei den Pionieren und errichtete Hilfsbrücken. Die beiden Männer hatten Glück, wieder gesund zurückzukehren, denn nur jeder Fünfte aus Irschenberg überlebte die Gefechte.

Um an das Material für die Biografien zu kommen, wandte sich Hennen an die Gemeinde und an den Bürgermeister. Dank mehrfacher Aufrufe im Gemeindeanzeiger bekam sie eine große Menge an Material zugeschickt. „Ich hab mich aber auch selbst durchs Irschenberger Archiv gegraben, alte Totenbilder durchforstet und bin von Hof zu Hof gegangen“, sagt Hennen.

Probleme hatte sie trotz der vielen Quellen mit den Namen der Soldaten. So gab es allein vier Johann Ransberger und vier Josef Schnitzenbaumer, die aus Irschenberg in den Krieg zogen. Die richtigen Daten den richtigen Männern zuzuordnen, stellte sie vor einige Herausforderungen. „Außerdem hat man damals viel nach Gehör geschrieben, so gab es meist nur eine Schreibweise für einen Namen wie Meier.“

Nun ist Hennens 450 Seiten starke Chronik fertig. Alle Soldatenschicksale konnte sie am Ende nicht aufdecken, aber: „Mir ging es nie um Vollständigkeit“, sagt sie. Sie wollte vor allem den Angehörigen das Leben ihrer Groß- und Urgroßväter näherbringen. Besonders wichtig ist ihr, zu betonen, dass die Männer keine „Hurra“-Soldaten waren und gezwungenermaßen in den Krieg zogen. So schreibt auch der in Aufham geborene Johann Stadler damals seiner Nachbarin Maria Schlierholzer: „Es ist halt ein rechtes Kreuz mit dem ewigen Krieg.“

Gisela Hennen ist schon bewusst, dass der starke Lokalbezug des Buchs für viele Leser außerhalb der Region im ersten Moment abschreckend wirkt. „Aber man kann die Geschichten der Soldaten auch auf viele andere Gemeinden ummünzen.“ Und für jeden, der sich durch ihr Werk inspiriert fühlt, selbst in der eigenen Familiengeschichte zu forschen, hat Hennen ein paar Tipps: „Man braucht viel Ausdauer und man muss damit leben können, wenn man an eine Sackgasse kommt.“

Pläne für ein weiteres Buch hat Hennen im Augenblick nicht. „Ich bin ja jetzt auch in einem gewissen Alter“, sagt sie schmunzelnd. Aber wenn ihr ein neues Thema – wie bei den Papieren im alten Koffer – in den Schoß fällt, würde sie schon wieder was machen, sagt sie. TOM ELDERSCH

Das Buch

„Die Irschenberger im 1. Weltkrieg – Wenn endlich Frieden wäre“, Maurus

Verlag, 470 Seiten, 48 Euro.

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