Der Lawinenversteher vom Schliersee

von Redaktion

Täglich inspiziert Walter Alkhofer, 75, den Schnee rund um den Spitzingsee, sucht Schwachschichten in der Schneedecke. Alkhofer erstellt Schneeprofile für den Lawinenwarndienst Bayern. Auch nach nun fast 50 Jahren ist seine Faszination für Lawinen ungebrochen.

VON KATJA BRENNER

Wenn Walter Alkhofer auf seinem Balkon steht, sieht er den Schliersee, dahinter erheben sich Jägerkamp, Brecherspitz und Dürnbachwand. Täglich vier bis fünf Mal geht er derzeit hoch Richtung Spitzing, schaut sich den Schnee genau an. Mit der Sonde misst er die Tiefe, mit der Schaufel sticht er einen vierzig mal vierzig Zentimeter großen, einen Meter tiefen Block aus der Schneedecke aus, untersucht die Dichte, die einzelnen Schichten.

Auch vor der eigenen Haustür begutachtet Alkhofer den Neuschnee. Aus der Tasche seiner rot-blauen Bergwacht-Jacke zieht er eine Lupe, macht sich ein genaues Bild von der Beschaffenheit der einzelnen Flocken. „Der hat keine Äste mehr, das sind nur noch ganz feine viereckige Plättchen“, erklärt Alkhofer. „Die können sich untereinander nicht mehr verbinden.“ Er hält einen Moment inne. „Triebschnee. Der könnte als Lawine Richtung Tal sausen.“

Walter Alkhofer kennt sich aus mit Schnee. Und mit Lawinen. Seit 51 Jahren gibt es den Lawinenwarndienst Bayern. Seit 48 Jahren ist Alkhofer bei der Lawinenkommission Schliersee. Ehrenamtlich betreut der 75-Jährige das Messfeld im Spitzinggebiet. Zwei Stunden Aufstieg, Schneeprofil erstellen eine halbe Stunde. Dann: Abfahrt. Zu Hause füttert er seinen Computer mit den Daten, leitet sie an die Warnzentrale in München weiter.

Viel Schlaf bekommt Alkhofer dieser Tage nicht. Am Vorabend überraschte ein Lawinenabgang sein Gebiet, die Straße hoch zum Spitzingsee ist gesperrt. Ständig läutet das Telefon. Heute stehen zwei Lawinensprengungen an. Und wenn eine Lawine künstlich ausgelöst wird, bestimmt der Sprengmeister in der Regel Alkhofer zum Sprenghelfer.

Von Beruf war der dreifache Vater Alpinsachbearbeiter bei der Polizei. Alpinsachbearbeiter, das klingt nach einem Schreibtischjob. In der Realität heißt das aber: Bergunfälle und Lawinenunglücke aufnehmen. Auch da war er für das Gebiet rund um den Spitzingsee zuständig. Neun schwere Lawinenabgänge mit 13 Toten und 22 Schwerverletzten gab es in den mehr als 30 Jahren, die er bei der Bergpolizei war. An jedes dieser Unglücke erinnert Alkhofer sich genau. Selbst das Datum weiß er bei jedem auswendig. Das erste war am 28. Dezember 1982, ein Toter, ein Schwerverletzter. Es herrschte Lawinenwarnstufe drei.

Zur Bergpolizei wie zur Lawinenkommission verschlug es den gebürtigen Straubinger eher durch Zufall. 1943 als Sohn einer ledigen Gärtnerin geboren, gab sie ihn gleich nach der Geburt zur Adoption frei. Die ersten zwei Jahre verbrachte er bei einer Familie in Regensburg. Die hatte einen Gutshof in der Nähe der Stadt. „Und da hat eine Frau Alkhofer gearbeitet“, erinnert sich der 75-Jährige. Sie hatte Mitleid mit dem schmächtigen Buben. „Mein Allgemeinzustand war wohl nicht besonders gut“, sagt Alkhofer. Die Frau nahm sich seiner an, gab dem Jungen ein richtiges Zuhause.

Nach seiner Bundeswehrzeit wusste Walter Alkhofer erst nicht, was er arbeiten sollte. Gelernt hatte er Kfz-Mechaniker. Der frisch verheiratete Familienvater spielte mit dem Gedanken, eine Tankstelle zu pachten. Doch dann entschied er sich, stattdessen zur Polizei zu gehen.

Nach der Ausbildungszeit standen drei Dienststellen zur Wahl: Wegscheid, Bad Tölz und Miesbach. Von Miesbach hatte er noch nie gehört. Da lag ein Gedanke nahe: „Mensch, hoffentlich ist das nicht in Franken.“ Also griff Alkhofer zur Landkarte und suchte dieses Miesbach. In Franken fand er es nicht, und das fand er gut. Inzwischen möchte er aus dem Landkreis nicht mehr weg. Bei sich in Schliersee ist er längst bekannt als der, der den Neuschnee lesen kann.

Erst mit Mitte Zwanzig entdeckte Alkhofer die Berge für sich. Ausschlaggebend war ein Schlüsselerlebnis an Fronleichnam 1969. Als der junge Polizist eine Pause am Kiosk am Spitzingsattel einlegte, kam plötzlich ein junger Mann angerannt, blutüberströmt. Sein Freund sei am Brecherspitz abgestürzt und rühre sich nicht mehr. „Ich war damals zwar schon öfter in den Bergen, aber noch nie so richtig Wandern“, erinnert sich Alkhofer. Doch jetzt musste er helfen, auch ohne Ausrüstung. Als er an die Unfallstelle kam, war der verunglückte junge Mann schon ganz blau angelaufen. Zwischen Felsen und Geröll wollte Alkhofer Erste Hilfe leisten, merkte aber schnell, wie vorsichtig er sein musste. Mit jeder Bewegung rutschten er und der Verunglückte ein Stück weiter den Hang hinab. Alkhofer legte den Kopf des 16-Jährigen auf seinen Schoß. „Und dann ist er schwer geworden“, erinnert sich Alkhofer. Eine Stunde harrte er noch in dieser Position mit ihm aus. Ständig drohten sie weiter abzurutschen. „Als der erste Bergwachtler kam, wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen“, sagt Alkhofer. Wenn er gekonnt hätte.

Noch hatte Alkhofer wenig Erfahrung mit den Bergen, konnte nicht einmal vernünftig Skifahren. Bei der Polizei brauchten sie aber einen Alpinsachbearbeiter. Alkhofer zögerte nicht lange und stellte sich der neuen Herausforderung. Nach mehreren Lehrgängen wurde er 1970 Sachbearbeiter für Bergunfälle bei der Miesbacher Polizei – was er bis 2003 blieb. Und dann kam eines zum anderen. Schliersees damaliger 2. Bürgermeister Simon Zehntner, Gründungsmitglied der dortigen Lawinenkommission, kam auf Alkhofer zu: „Wir bräuchten noch einen Gendarm bei der Bergwacht.“ Da zögerte der Polizist nicht lange. Seit 2. November 1970 ist er inzwischen bei der Lawinenkommission, seit 1988 als deren Obmann. Für seine Verdienste bekam Alkhofer 2011 das Bundesverdienstkreuz.

Solche Geschichten erfährt man von dem grauhaarigen Mann mit den gutmütigen Augen jedoch eher beiläufig. Fast wie selbstverständlich erzählt Alkhofer, wie er einmal selbst von einer Lawine überrascht wurde. Ein Geräusch ähnlich wie Wasser habe er gehört und sich noch kurz gewundert. Ehe er sich versah, stand er bis zum Bauchnabel tief im Lawinenschnee. „Ich habe mich aber selbst wieder ausgraben können“, erinnert sich der 75-Jährige. Seine Arme waren frei geblieben.

Alkhofer ist mit seiner Aufgabe eng zusammengewachsen. Er braucht die Berge und den Schnee. „Sie sind ein Teil von meinem Leben geworden“, sagt er. Die Berge gegen einen Tag vor dem Fernseher eintauschen, für den Wahl-Schlierseer ein Albtraum. Auch nach all den Jahren üben Lawinen auf Alkhofer immer noch eine besondere Faszination aus. Das Erhabene, Unberechenbare reizt ihn. Wie eigentlich grundsätzlich an der Natur. „Da kann man noch so viel studieren und lernen, man kann sie einfach nicht vorhersagen.“

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