Farchant – Peter Böhmer steht an der Wursttheke, schneidet Schinken – und bedankt sich schon wieder. Der Kunde, der gerade bei ihm bestellt hat, ist nicht der erste, der ihm an diesem Montag herzlich gratuliert. Die Farchanter haben längst erfahren, dass ihr Dorfladen auf der Grünen Woche in Berlin zu Deutschlands Dorfladen des Jahres gekürt worden ist. In dem 3900-Einwohner-Ort im Kreis Garmisch-Partenkirchen sprechen sich Nachrichten wie diese schnell rum. Besonders unter den Stammkunden.
Einige von ihnen sitzen gerade am Mittagstisch zusammen. Sieglinde Weber und Traudi Grünauer kommen so gut wie jeden Tag in den Laden. „Seit mein Mann vor anderthalb Jahren gestorben ist, habe ich kaum noch Lust, für mich allein zu kochen“, erzählt Grünauer. Vor allem möchte sie nicht allein essen. Also hat sie vor knapp zwei Jahren den Mittagstisch im Dorfladen ausprobiert. Jeden Tag werden zwei Gerichte angeboten – frisch gekocht. Böhmer hat extra eine Köchin eingestellt, die die Lebensmittel aus dem Laden verarbeitet. Wirtshausküche zu Imbisspreisen – das war die Idee dahinter.
Außerdem will er, dass sein Laden ein Treffpunkt ist. Und diese Strategie geht auf. Sieglinde Weber und Traudi Grünauer haben sich hier beim Mittagessen kennengelernt. Seit einiger Zeit sitzen auch Monika und Klaus Schiffel aus Garmisch-Partenkirchen fast jeden Mittag mit am Tisch. Mit Peter Böhmer sind sie längst per Du – so wie die meisten Kunden. Seine Stammgäste lädt der Marktleiter an diesem Tag auf einen Cappuccino ein. Ein kleines Dankeschön – denn schließlich sind seine treuen Kunden ein Grund dafür, dass der Laden so gut läuft.
„Zum Überleben braucht man uns nicht“, sagt Böhmer ganz ehrlich. In einem Umkreis von fünf Kilometern gibt es 15 Supermärkte und Discounter. Doch der 130 Quadratmeter große Dorfladen bietet etwas, das die großen Konkurrenten nicht haben: Regionalität, Transparenz und Nachhaltigkeit. Böhmers Motto lautet: Wer weiter denkt, kauft näher ein. 75 Prozent seines Umsatzes macht Böhmer mit Produkten aus einem Umkreis von 100 Kilometern. Auf seiner Internetseite listet er genau auf, woher Käse, Wurst, Tee, Gemüse oder Semmeln kommen. Das will er noch weiter ausbauen.
Genau wie das Thema Nachhaltigkeit. Schon jetzt können sich seine Kunden die Mittagsmenüs in eigenen Behältern auch mit nach Hause nehmen. Obst und Gemüse in Plastikverpackung oder Plastiktüten gibt es sowieso nicht. Aber auch für die Kaffeebecher to go will sich Böhmer noch eine bessere Lösung überlegen. Seine Kunden schätzen das – und kaufen lieber im Dorfladen als im Supermarkt.
Bundesweit gibt es fast 300 Läden wie diesen. Die meisten haben sich für den Preis der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden beworben. In der Kategorie „Große Dörfer“ hat sich Böhmer gegen alle anderen durchgesetzt. Ein Preisgeld gibt es nicht – aber darum ging es ihm auch nicht. „Für uns ist das die beste Werbung“, sagt er. Und gleichzeitig die schönste Anerkennung dafür, dass die Idee, die er 2013 hatte, den Nerv der Zeit trifft. Er wollte Regionalvermarkter unterstützen, Arbeitsplätze schaffen, einen Ort bieten, an dem die Bürger zusammenkommen – eine Lücke füllen. Für seine Philosophie hat er seine Stelle in der Sparkasse aufgegeben. Er gründete eine Unternehmergesellschaft mit 278 stillen Anteilseignern, die seine Idee unterstützen. Einige standen nun für ein paar Tage selbst hinter der Theke – weil Peter Böhmer mit seinen 14 Mitarbeitern nach Berlin reiste, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Und zu feiern. Auf Facebook bekam er 5900 Kommentare. Alles Glückwünsche. Der schönste Preis, findet Böhmer. „Ich bin überzeugt, dass die Lösung für viele unserer Probleme im Kleinen beginnt“, sagt er. „Und wenn sich viele zusammentun.“
Der erste Arbeitstag im „Dorfladen des Jahres“ läuft nun wie gewohnt. Nur mit etwas mehr Glückwünschen. Peter Böhmer pfeift gut gelaunt vor sich hin, während er das Gemüseregal auffüllt. „Pfeifen tut er bei der Arbeit aber eigentlich immer“, sagt seine Stammkundin Sieglinde Weber. Sie muss es wissen. Schließlich verbringt sie jeden Mittag im Dorfladen.