Spenden für krebskranke Kinder veruntreut

von Redaktion

Die Spender wollten von Krebs gezeichneten Kindern und deren Eltern helfen. Dafür gaben sie reichlich. Doch die Verantwortlichen des Vereins sollen sich mit dem Geld ein schönes Leben gemacht haben.

VON ULF VOGLER UND DOMINIK GÖTTLER

Augsburg – Auf der Internetseite warb der Verein mit den Fotos von schwerstkranken Kindern um Spenden. „Geben Sie krebskranken Kindern eine Chance“, appellierte die „Kinderkrebshilfe Bayern e.V.“ an die Großzügigkeit der Menschen. Das funktionierte: Viele gaben teils große Beträge – im Glauben an die hehren Ziele des angeblich gemeinnützigen Vereins.

Für die Staatsanwaltschaft war das alles nur eine große Abzocke. Zwei Vereinsvorstände, ein inzwischen getrennt lebendes Ehepaar, soll „von Anfang an geplant“ haben, die Spenden in die eigene Tasche zu wirtschaften. Etwa 150 000 Euro sollen die 50 Jahre alte Frau und der 39 Jahre alte Mann in etwa zwei Jahren abgezweigt haben. Zu Beginn des Prozesses gestern vor dem Amtsgericht Augsburg schwiegen beide zunächst zu den Vorwürfen.

Der Verein aus Adelsried (Landkreis Augsburg) hatte früher mit den tragischen Schicksalen kleiner Kinder oder Jugendlicher auf seiner inzwischen stillgelegten Internetseite um Geld geworben. Geprellt wurden nach den Ermittlungen Privatpersonen und Unternehmen aus dem ganzen Freistaat.

Auch ein Sportverein aus dem Landkreis Altötting hat eine größere Summe überwiesen, ebenso wie eine Kirchengemeinde aus dem oberfränkischen Kreis Coburg. Ein Betrieb aus Dachau gab sogar 15 000 Euro.

Die Anklage listet rund 150 Spenden auf, alles Summen ab 500 Euro. Kleinere Beträge wurden von den Ermittlern gar nicht erst im Detail untersucht, es wären sonst zu viele gewesen. So hatte der Verein beispielsweise eine Servicenummer, bei der den Anrufern pro Telefonat fünf Euro mit der Telefonrechnung abgebucht wurden.

Die Staatsanwältin geht in den Jahren 2016 und 2017 von Überweisungen an den Verein im Umfang von rund 167 000 Euro aus. Davon sollen aber nur etwa 15 000 Euro für die eigentlichen Vereinszwecke verwendet worden sein.

Zu den wenigen Projekten, die überhaupt etwas bekommen haben, gehört eine Initiative für die krebskranken Zwillinge Leon und Luis Weikenstorfer aus Egenburg im Landkreis Dachau. Deren Mutter Sabine Weikenstorfer sagt gegenüber unserer Zeitung, sie sei vor einigen Jahren von der Angeklagten kontaktiert worden. Als sie dann nach einiger Zeit nachgefragt habe, wie viele Spenden denn schon zusammengekommen seien, habe sich die Frau „gewunden wie ein Aal“. Zwei Frauen von dem Helferkreis der beiden Buben verfolgten den Prozess aus dem Zuschauerraum. Sie erzählten, dass zwar von dem schwäbischen Verein 4300 Euro für die Zwillinge geflossen seien. Doch sie glauben, dass in Wahrheit viel mehr für die zwei Kinder gespendet worden sei. Denn der Fall sei sogar prominent in der Weihnachtszeit im Fernsehen vorgestellt worden. „Wir kommen uns benutzt vor“, sagt Sabine Weikenstorfer. Ihre große Hoffnung sei, dass die Angeklagten eine gerechte Strafe bekämen – „damit sie so etwas nie wieder machen können“.

Der erste Prozesstag fand hauptsächlich hinter verschlossenen Türen statt. Richter Thomas Müller-Froelich versuchte mehrere Stunden lang, eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft und den beiden Verteidigern zu erreichen, um das Verfahren abzukürzen.

Das Ergebnis: Falls die Angeklagten doch noch ein Geständnis ablegen, könnten sie mit maximal zweijährigen Bewährungsstrafen rechnen. Zudem würde das Gericht voraussichtlich beide jeweils zu einer Geldstrafe von 40 000 Euro verurteilen. Weitere fast 100 000 Euro würden als Wertersatz für die Spenden bei den Angeklagten eingezogen. Die Anwälte wollen nun klären, ob ihre Mandanten für solch eine Absprache die finanziellen Mittel haben. Am kommenden Donnerstag soll das Verfahren fortgesetzt werden.

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