Nürnberg – Als die Bombe um 23.03 Uhr detoniert, ist kaum mehr als ein leises Türzuschlagen zu hören. Wenige Stunden sind vergangen, seit Sprengmeister Michael Weiß und die Spezialfirma Tauber feststellen mussten, dass die 250-Kilo-Bombe auch mit dem extra angelieferten Wasserschneider nicht entschärft werden kann. Teile der Städte Nürnberg und Fürth werden in der Zwischenzeit evakuiert, Straßen gesperrt, eine Flugverbotszone eingerichtet und mehrere tausend Menschen in einem Radius von einem Kilometer um den Fundort in Sicherheit gebracht. Hunderte Polizisten und Rettungskräfte sind im Einsatz. Seit 19.25 Uhr gilt in beiden Städten Katastrophenalarm.
Entdeckt wurde der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg am Montagvormittag bei Arbeiten an einer Lärmschutzwand im Nürnberger Stadtteil Höfen, in einem Mischgebiet aus Wohnungen und Gewerbe, kurz vor der Fürther Stadtgrenze. Keine hundert Meter entfernt: die Schön Klinik, in der sich hundert Patienten und über 250 Mitarbeiter befinden. Die Bombe, die über einen chemischen Langzeitzünder verfügt, liegt in drei Metern Tiefe. Es besteht Explosionsgefahr.
„Die Entscheidung, dass wir sprengen, hat sich durch verschiedene Besonderheiten dieser Bombe ergeben“, sagt Sprengstoffexperte Andreas Heil, Einsatzleiter der Firma Tauber in Bayern. „Das waren die Lage der Bombe sowie der Zustand des Zünders.“ In diesem Fall hatten „sich Teile des Leitwerkes beim Aufprall auf den Boden derart an den Zünder gequetscht und drumherumgewickelt, dass das Entschärfen aus technischen Gründen nicht möglich war“.
Die Situation erinnert an die Fliegerbombe, die im August 2012 mitten im Münchner Stadtteil Schwabing gesprengt werden musste. Auch damals war Andreas Heil vor Ort. „Wir haben diesmal nichts anders gemacht“, sagt er. Die Vorbereitungen liefen in Nürnberg praktisch gleich: Die Grube wurde mit Strohballen gefüllt, darüber legten die Hilfskräfte Wassersäcke mit bis zu 5000 Litern Fassungsvermögen sowie eine weitere Schicht Stroh und eine abschließende Schicht Wassersäcke. Um die Grube herum wurden Erdwälle aufgeschüttet.
Und doch ist etwas anders. „Wir hatten in Nürnberg einen sehr großen Vorteil: Die Bebauung greift nicht so tief in den Boden, wie es in München durch die U-Bahn der Fall war“, erklärt Heil. Die Wucht der Detonation musste in München wegen der betroffenen U-Bahn-Station und der Statik der alten Häuser nach oben gelenkt werden. „Darum flog das Stroh, und darum sind wir im Nachhinein immer wieder angegriffen worden. Trotzdem: Es war die richtige Entscheidung.“ Die Lage stellte sich in Nürnberg ganz anders dar: „Hier konnten wir die Bombe nach oben verdämmen und einen Teil des Drucks in den Boden lenken.“
Und tatsächlich hatten die Städte Nürnberg und Fürth großes Glück. Weder sind Personen zu Schaden gekommen, noch größere Sachschäden entstanden. Nach der Detonation inspizierten Experten den Krater, ein Polizeihubschrauber flog über das Gelände. Die Menschen durften noch in der Nacht zurück in ihre Wohnungen.
Sprengungen wie diese sind laut Andreas Heil nicht alltäglich, kommen aber „immer wieder vor“. Wie viele bisher unentdeckte Bomben unter Bayerns Städten und Gemeinden schlummern, können auch die Experten nicht sagen. Andreas Heil: „Wir haben aufgehört zu schätzen und zu rechnen. Es sind auf jeden Fall wahnsinnig viele.“