München – Salim, 14, kommt aus dem Irak, seit acht Monaten ist seine Familie in Deutschland, erzählt er. Er wohnt im Flüchtlingsheim. Neben ihm im Klassenzimmer der 8 D in der Mittelschule Simmernstraße in München-Schwabing sitzt Anton, 13, aufgewachsen in Petrozawodsk in Nord-Russland. Vasioliza, 15, ist erst seit vier Wochen in Deutschland. „Ich komme Moldawien“, sagt sie leise. Andere Schüler lebten vor acht Monaten noch in Syrien, Bulgarien oder Sierra Leone. Einer, der 14-jährige Wu, kommt aus Vietnam. Kerzengerade steht er da. „Guten Morgen, liebe Politiker“, sagt er höflich. Die Angesprochenen nicken. Brav sitzt der Landtagsabgeordnete Otto Lederer, CSU, neben Anna Toman von den Grünen. Auch Bildungspolitiker von SPD, FW und FDP sehen sich den Unterricht in einer Deutschklasse an. Nur die AfD hat abgesagt.
Die Deutsch-Klassen für Migranten sind eine recht neue Erfindung, geboren im Wahlkampf 2018, als die CSU die gut 500 bisherigen „Übergangsklassen“ im Land kurzerhand umtaufte. Das „Deutsch“ musste in den Namen. Neu ist auch Werteunterricht, und Nachmittagsbetreuung ist nun Pflicht. Ursprünglich vor allem für Flüchtlinge gedacht, gehen mittlerweile auch ganz andere Migranten in diese Klassen. „Das kann auch der Sohn eines polnischen Arztes aus dem Schwabinger Krankenhaus sein“, berichtet Schulleiterin Angelika Thuri-Weiß. „Die Klassen sind wie eine große Wundertüte – man weiß nie, was drin ist.“ Die Schüler kommen aus ganz München, die Zuteilung regelt das Schulamt.
Multikulti im Klassenzimmer also. Es ist jetzt die Aufgabe von Verena Frei, 30, den Schülern schnell Deutsch beizubringen. Aber nicht nur. Die Klassenleiterin unterrichtet auch Mathematik, Ethik, Geschichte und PCB, ein Mischfach aus Physik, Chemie und Biologie. Mitten im Schuljahr kann es passieren, dass ein neuer Schüler ohne Deutsch-Kenntnisse in der Tür steht – oder ein anderer nicht mehr kommt. Dann ist er vielleicht abgeschoben worden.
Verzweifelt wirkt die Lehrerin aber gar nicht. „Wir sind wie eine Familie“, sagt sie fröhlich. Verena Frei war Gymnasiallehrerin. Weil sie keine Stelle bekam, hat sie umgesattelt. Die Beamtin bekommt jetzt 300 Euro weniger, aber ihr Job ist wohl anspruchsvoller als am Gymnasium. Manchmal hat sie eine Assistentin als Zweitkraft im Klassenzimmer, manchmal auch nicht. „Das ist unsere Forderung: eine feste Zweitlehrerin in jeder Deutsch-Klasse“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.
„Wir sprechen im Unterricht Deutsch“ – so heißt es auf einem Schild an der Wand. Anders könnten sich die Schüler untereinander auch kaum verständigen. Heute steht Personenbeschreibung auf dem Stundenplan. Das hat sich die Lehrerin ausgedacht, denn einen festen Lehrplan für Deutschklassen gibt es nicht, wie die Politiker erstaunt feststellen. Auf dem Whiteboard erscheinen Personen, die die Schüler beschreiben sollen. „Sie hat schwarze Haare“, „sie ein schwarzes T-Shirt tragen“. Fehler werden sofort verbessert. Die Schüler dürfen im Wörterbuch nachschauen, auch Handys sind dazu erlaubt. Anton gähnt irgendwann verstohlen, aber der Unterricht klappt ganz gut.
Matthias Fischbach von der FDP, ein Politik-Neuling, ist vom Besuch angetan. „In den Ausschüssen diskutieren wir ja nur abstrakt.“ Er fragt gleich nach, wie das mit dem Mittagessen läuft. Es läuft so lala, hört er. Viele Eltern zahlen nicht – weil sie nicht können oder die Schreiben mit den Beihilfeanträgen nicht verstehen. 6000 Euro Defizit sind schon angefallen. Wer übernimmt das? Als Eva Gottstein von den Freien Wählern hört, wer sich alles mit der Abrechnung der Essenskosten befasst, ärgert sie sich. „Volkswirtschaftlich rechnet sich das nicht.“
Die Schule arbeitet mit dem Jugendhaus Schwabing zusammen, das von der katholischen Kirche getragen wird. Am Nachmittag helfen Studenten bei den Hausaufgaben. Da ist Verena Frei streng. Täglich Hausaufgaben, Abfragen, Lesenoten, große und kleine Proben – schließlich sollen die Schüler der Deutschklasse nach und nach in die „normale“ Regelklasse rüberrutschen und schließlich auch ihre Abschlussprüfung, den „Quali“, bestehen. Wenn es Probleme gibt, ruft die Lehrerin auch schon mal zuhause an, berichtet sie. „Die Eltern kommen ja meist aus Ländern, in denen der Lehrer noch eine Respektsperson ist.“