Berchtesgaden/München – Obatzer, Schäfflertanz und bayerische Tanzmusik – die Vertreter aus Kirgistan, Korea und Saudi-Arabien waren begeistert von den bayerischen Traditionen. Das erzählt der Hamburger Jens Schröder, Chefredakteur der Wissenschaftsmagazine „National Geographic“ und „PM“. Der 45-Jährige moderiert die Diskussionsrunden über Bergtourismus auf der Konferenz der UN-Weltorganisation für Tourismus (UNWTO), die noch bis Dienstag in Berchtesgaden stattfindet. Sogar drei Vertreter aus Saudi-Arabien sind dabei, erzählt Schröder. Sie machen Werbung für die Berge ihres Landes, die sich entlang des Roten Meeres aufreihen. Und sie zeigten sich von Bayern begeistert.
Genau diesen Effekt hat die Konferenz auch bei den anderen Teilnehmern aus fernen Ländern, erzählt Gastgeberin Brigitte Schlögl, die stellvertretende Leiterin der Organisation Berchtesgadener Land Tourismus: „Sie spüren, dass sie kein Disneyland besuchen, keine künstlich arrangierte Welt. Die gelebten Traditionen sind unser Kapital.“ Aufgabe der Zukunft ist es, genau diese kulturellen Eigenheiten neben der schönen Landschaft zu bewahren, erklärt die 65-jährige Tourismusmanagerin. Um das zu erreichen, sei Nachhaltigkeit ein Schlüssel. Vertreter aus Ländern wie Georgien oder Kirgistan, die ja noch nicht als Urlaubsregionen bekannt sind, seien interessiert, sich Gutes anzuschauen und Schlechtes zu vermeiden,
Das zertifizierte Bergsteigerdorf Ramsau, das die Touristiker aus fernen Ländern am Montag besuchen, ist das perfekte Vorbild für den Tourismus weltweit, sagt Touristikerin Schlögl: Dort steht Naturnähe im Focus, ihr zuliebe verzichtet man möglichst auf neue Erschließungen und künstliche Beschneiung. „Man erlebt dort, dass den Einheimischen ihr Umfeld wichtig ist. Wir müssen die Natur davor bewahren, dass sie dem Massentourismus geopfert wird.“ Für Schlögl sind von Touristen überlaufene Städte wie Venedig und Barcelona warnende Beispiele. In Sachen Bergtourismus spürt sie einen Wandel: „Ich komme aus Tirol, dort hat man vor Jahrzehnten voll auf Schneekanonen gesetzt, heute ist man vorsichtiger.“
Für alpine Urlaubsorte gibt es viele große Fragen, etwa beim Wintersport: attraktive Skigebiete und mehr Schneekanonen – oder naturbelassene Landschaft, wegen der Klimaerwärmung aber mit immer weniger Möglichkeiten zum Skilauf? „Wie man solche Fragen beantwortet, müssen die jeweiligen Regionen entscheiden. Ein Patentrezept gibt es nicht“, sagt Touristikerin Schlögl. Bayerns Staatsregierung hat über Jahre den Ausbau auch von niedrig gelegenen Skigebieten mit Schneekanonen mit Millionensummen gefördert.
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) betont auf der Konferenz, gerade beim Bergtourismus sei Nachhaltigkeit eine zentrale Herausforderung. „Der Tourismus wird nur eine Zukunft haben, wenn die ortsansässige Bevölkerung davon profitiert und das akzeptiert – und wenn die Landschaft nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird“, sagt Aiwanger. Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) hob den Beitrag der Bauern und der bäuerlichen Familienbetriebe hervor. Um diese Strukturen zu bewahren, müssten „Tourismus und Landwirtschaft ganz eng zusammenarbeiten“.
Heute besichtigen die Teilnehmer neben Ramsau auch die Berge Predigtstuhl und Jenner, zudem den Obersalzberg mit dem NS-Dokumentationszentrum.