Alterndes Land, junge Städte

von Redaktion

Die regionalen Unterschiede in der demografischen Entwicklung haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Immer mehr junge Menschen zieht es in die Städte, dafür steigt das Durchschnittsalter auf dem Land kontinuierlich an, wie eine aktuelle Studie belegt. Auch die Zuwanderung hat den Stadt-Land-Kontrast verstärkt.

VON KATRIN WOITSCH

München – Deutschland wächst und wächst – aber davon profitieren nicht alle Regionen. Von 2012 bis 2016 stieg die Einwohnerzahl bundesweit um 642 000 Menschen pro Jahr. 57 Prozent von ihnen zogen in die Großstädte. Diese demografische Entwicklung ist durch die Fluchtbewegungen verstärkt worden, berichten Ralph Henger und Christian Oberst von Institut der deutschen Wirtschaft, die die Altersentwicklung in Deutschland untersucht haben. Für ihre Studie haben sie die Zahlen in 330 Landkreisen und 71 kreisfreien Großstädten von 1995 bis 2016 ausgewertet – und festgestellt, dass sich die demografische Entwicklung vor allem in den vergangenen Jahren sehr verändert hat.

In den Großstädten nahm das Durchschnittsalter von 40,7 im Jahr 1995 auf 42,7 im Jahr 2016 zu. Diesen Anstieg stellten die Autoren der Studie aber nur bis zum Jahr 2009 fest. Seitdem ist das Durchschnittsalter in den großen Städten konstant geblieben und durch einen Zuzugs-Boom seit 2011 sogar wieder gesunken. In Frankfurt am Main beispielsweise beträgt das Durchschnittsalter gerade einmal 40,6 Jahre. Die Großstädte profitieren sowohl von der internationalen Zuwanderung als auch vom Zuzug jüngerer Menschen (18 bis 30 Jahre) aus dem Inland. Jüngere Zuwanderer aus dem Ausland entscheiden sich häufig für ein städtisches Leben. Die in Deutschland lebenden Migranten sind im Schnitt 37,7 Jahre alt – und damit deutlich jünger als die Bevölkerung allgemein. Viele junge Deutsche ziehen für ein Studium oder für einen neuen Job in die Städte. Das führe auch zu steigenden Geburtenzahlen, erklären Henger und Oberst. Und davon profitieren letztlich auch die Landkreise rund um die Ballungszentren – weniger aber die ländlich geprägten Regionen.

In Oberbayern ist das klar zu sehen. Die Stadt München liegt mit einem Durchschnittsalter von 41,5 Jahren deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 44,2 Jahren. Das gilt auch für die Landkreise rund um München. Der oberbayerische Landkreis mit den meisten jungen Bürgern ist Freising, dort liegt das Durchschnittsalter bei 41,0 Jahren. Auch kleinere Großstädte wie Heidelberg und Münster profitieren von dieser Entwicklung. Laut Studie ist der Anteil der 20- bis 25-Jährigen dort sogar höher als in Millionenstädten wie Berlin, Hamburg oder München. „Das liegt mitunter daran, dass es sich bei den mittleren Großstädten öfters um traditionelle Universitätsstandorte mit hohen Studentenzahlen handelt“, erklärt der Ökonom Ralph Henger. „Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass der ländliche Raum schneller schrumpft und altert.“

Am ältesten sind die Oberbayern in Garmisch-Partenkirchen (im Schnitt 45,9 Jahre und damit über Bundesdurchschnitt). Darauf folgen die Landkreise Berchtesgadener Land (45,0), Miesbach (44,8) und Traunstein (44,7). Die älteste Region Deutschlands ist das rund 35 000 Einwohner zählende Suhl in Thüringen. Dort sind die Menschen im Schnitt 50,3 und damit sechs Jahre älter als der Bundesdurchschnitt. Suhl ist gleichzeitig die am schnellsten alternde und schrumpfende Region Deutschlands, wie die Studie belegt. 1995 betrug das Durchschnittsalter noch 38,8 Jahre.

Auch bei der regionalen Altersverteilung zeigen sich Unterschiede. Erwartungsgemäß liegen die zehn jüngsten Regionen in Westdeutschland (Altersdurchschnitt von 40,1 bis 41,1), die zehn ältesten in Ostdeutschland (49,1 bis 50,3). „Die Regionalpolitik muss darauf fallbezogene Antworten finden“, bilanzieren die Autoren der Studie. „Je höher der Anteil der älteren Menschen, desto höher ist der Bedarf im Gesundheitswesen und bei der Pflege“, folgern die beiden Ökonomen. „Andererseits sind höhere Anteile junger Menschen mit einem höheren Bedarf an Kindertagesstätten und Schulen verbunden.“ Um das zu gewährleisten, müsse die Politik mehr Anstrengungen unternehmen.

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