UNTER MEINEM WEISS-BLAUEN HIMMEL

Reise in die Vergangenheit beim Frühjahrsputz

von Redaktion

VON CAROLIN REIBER

Meinem Kalender in der Küche mit Aktions- und Gedenktagen ist meistens nur ein kurzer Blick vergönnt. Missen möchte ich ihn dennoch nicht. Denn so manches ist zum Schmunzeln. Am Sonntag war zum Beispiel „Tag des Aufschnitts“. Am Samstag, damit kann ich tatsächlich etwas anfangen, war hingegen der „Welttag der alten Dinge“.

Gerade dachte ich nämlich über meinen Frühjahrsputz nach. Sonnenstrahlen entlarven eingetrocknete Regentropfen an den Fenstern, Schränke müssen ausgewaschen, Fliesen blank gewienert werden. Milde Temperaturen sorgen schließlich schon jetzt für eine extra Portion Frühjahrsenergie. Eine wunderbare Gelegenheit, um „abzuspecken“, und dabei meine ich nicht eine der vielen, jetzt in allen Illustrierten angepriesenen Diäten. Nein, es ist wieder einmal an der Zeit, Platz zu schaffen für die Frühjahrsgarderobe.

„Willst du dein Leben in Ordnung bringen, räume deinen Schrank auf“, heißt ein chinesisches Sprichwort. Das geht bekanntlich nur mit System. Was darf bleiben? Was muss weg? Was bekommt eine zweite Chance? Und dazwischen gibt es meine Wackelkandidaten, meine 30 Jahre alten Blusen mit Spitzen und Rüschen, die seit Langem darauf warten, irgendwann wieder in Mode zu kommen.

Oder wenn ich die Dirndl betrachte! Eigentlich immer modern? Von wegen! Was haben es die Herren der Schöpfung doch einfach! Trachtensakkos passen immer. Und je speckiger die Lederhose, desto besser. Was ich ganz sicher weiß: Meine Internatskleidung, bestehend aus Wollplisséerock und einer Bluse mit Kragen aus gewachstem Stoff, wird keinesfalls entsorgt.

Alte Dinge – sie animieren zu Reisen in die Vergangenheit. Da steht der Karton meiner Großmutter, in dem sie unsere Korrespondenz aufbewahrte. Meine Briefe waren kunstvoll mit Blumen bemalt, ihren Schreiben lag ab und an ein 5-Mark-Stück bei. Welch Glücksgefühl damals! Nicht lange muss ich über Schuhe nachdenken, in die ich mich wie Aschenputtels böse Schwestern hineingequetscht habe. Sie sind immer noch toll, aber irgendwann triumphiert Bequemlichkeit über High Heels.

Nach dem ersten Energieschub liegen säuberlich geordnet Stapel mit Pullis, Blusen und Hosen, alle versehen mit der Kleidergröße, vor mir. Kleidung, die keine zweite Chance mehr bekommt.

Ausmisten macht glücklich und räumt auch gleich die Seele auf. Nur mit Büchern ist das so eine Sache. „In ihnen liegt die Seele aller vergangenen Zeiten“, so der Schriftsteller Thomas Carlyle. Manche sind mit liebevollen Widmungen versehen, aus dem einen oder anderen fällt eine längst vergessene Postkarte heraus. Ich habe Erfahrung mit dem Vorsatz, mich von Büchern zu trennen, die ich vermutlich nie mehr lesen werde. Es hat noch nie geklappt.

Irgendwann stehen die literarischen Werke wieder alle dort, wo sie schon immer standen. Und auch die Langspielplatten werden erst gar nicht gesichtet, obwohl ich sie nur selten anhöre. Die alten Cover sind einfach zu schön! Nein, jetzt ist mir doch eher nach einem Spaziergang zumute, auf der Suche nach den Vorboten des Frühlings. Schließlich war gerade erst nicht der „Tag des Entrümpelns“, sondern der „Ehrentag alter Dinge“.

Außerdem: Am Sonntag wurde der „Mach-andere-glücklich-Tag“ gefeiert. Gewidmet den kleinen Gesten im Alltag. Ein Zulächeln, ein Anruf, ein Stückchen Kuchen als Überraschung. Und vielleicht eines der Kleiderpäckchen, die auf der Suche nach einer neuen Heimat sind…

In diesem Sinn –

herzlich

Ihre Carolin

Artikel 1 von 11