Am Wochenende treffen sich Insektenforscher aus ganz Deutschland in München zum fachlichen Austausch. Mit dabei: Gerhard Haszprunar, Zoologie-Professor an der LMU München, Direktor der Zoologischen Staatssammlung München und Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Mit Sorge verfolgt der 62-Jährige die Entwicklung in seinem Spezialgebiet: Denn nicht nur bei den Insekten droht der Artenschwund, auch die Spezialisten dafür sterben aus.
Herr Haszprunar, haben die Insektenforscher ein Nachwuchsproblem?
Tatsächlich gehen uns die Artenkenner aus. Es gibt immer weniger Experten, die Arten bestimmen können und die wissen, wo man sie überhaupt findet.
Wie groß ist denn die Insektenforscher-Szene noch?
Das ist schwer in Zahlen zu fassen, weil die Szene vom reinen Sammler, der sich für bestimmte Insektengruppen interessiert, bis zum Fachamateur reicht, der sich auch ohne Studium über Jahre in eine bestimmte Tiergruppe reingefuchst hat. Beide sind unverzichtbar für ein funktionierendes Monitoring und leisten einen existenziellen Beitrag für die Forschung. Dazu kommen die professionellen Artenkenner. Wir sind also nicht unbedingt wenige – aber wir sind schwer überaltert. In den nächsten zehn, zwanzig Jahren werden wir einen empfindlichen Aderlass haben.
Woran liegt’s? Sind Mistkäfer und Mauerfuchs einfach out?
Das glaube ich nicht. Bei den Wissenschaftlern liegt es vor allem an den Arbeitsmöglichkeiten. Wenn wir in der Zoologischen Staatssammlung Stellen ausschreiben, bekommen wir regelmäßig 30 bis 40 Bewerber. Die Profis sind da, aber es gibt zu wenig Möglichkeiten, um von dieser Expertise leben zu können. Die Universitäten und vor allem die Naturkundemuseen sind teilweise über Jahrzehnte ausgehungert worden.
Und bei den Laien?
Da liegt das fehlende Interesse meiner Meinung nach schwerpunktmäßig am Schulunterricht. Die Schüler kommen immer weniger mit der Biodiversität in Kontakt. Entweder, weil die Lehrer das selbst schon gar nicht mehr kennen, oder weil es an Initiativen fehlt, um die Schüler mit botanischer und zoologischer Vielfalt zu konfrontieren. Ich hatte selbst das Riesenglück, eine Grundschullehrerin zu haben, die von April bis September jeden Montag mit einem Blumenstrauß in die Schule kam. Dann hat sie uns erzählt, was das für Blumen sind. So was muss nicht im Lehrbuch stehen – aber es braucht Engagement, um die Neugier zu wecken.
Welche Folgen hat das Nachwuchsproblem für die Forschung?
Uns geht zu viel Wissen verloren. Gerade bei schwierigen Insektengruppen, also etwa bei Fliegen, Mücken oder Milben, bei allem, was klein ist und von dem es viele Arten gibt. Hier fehlen uns europaweit die Spezialisten. Wenn wir diese Arten nicht differenzieren, dann kann uns ja gar nicht auffallen, wenn plötzlich welche fehlen. Ein Vergleich mit der Vogelwelt: Wenn die breite Bevölkerung nur noch die Meise kennt, aber nicht weiß, dass da mindestens 20 Arten dahinterstecken, dann fällt natürlich nicht auf, wenn etwa die Blaumeise ausstirbt und nur noch die Kohlmeise da ist.
Immer wieder klagen Hobby-Sammler über zu strenge Behörden.
Manche Naturschutzbehörden fördern die Arbeit der Laien aktiv. Aber es gibt auch die Hüter des Grals, die sagen: In mein Naturschutzgebiet kommt keiner rein. Die haben ein Naturschutzbild, das von bedrohten Wirbeltieren geprägt ist, bei denen jede Einzelentnahme ein Problem ist. Bei Insekten kommt es aber nicht darauf an, ob ich einen Käfer oder Schmetterling für Forschungszwecke entnehme. Sondern dass ich den Lebensraum erhalte.
Im Moment spricht ja jeder über den Naturschutz. Haben Sie die Hoffnung, dass sich dadurch auch wieder mehr Menschen für die Insektenkunde begeistern?
Natürlich hoffen wir darauf. Die breite Debatte ist ein Anfang. Aber das Interesse muss über lange Zeit gefördert werden. Ein Fach-Amateur braucht zehn bis zwanzig Jahre, bis er sich richtig gut auskennt. Und solange muss ich ihn auch bei der Stange halten. Dafür kann ich nur werben: Wir haben in Bayern knapp 40 000 Tierarten. Davon sind bestenfalls ein paar Hundert Wirbeltiere. Alles andere ist klein und eher unscheinbar, aber deswegen nicht weniger spannend. Hier gibt es noch am meisten zu entdecken. Und entdecken macht Spaß!
Interview: Dominik Göttler