München – Die Geschichte ist 75 Jahre her, sie ist durch einen Filmklassiker mit Steve McQueen und Charles Bronson verewigt – und sie hat viele bayerische Wurzeln und Hintergründe. „Gesprengte Ketten“ erschien 1963 in den Kinos, der Oscar-gekrönte Streifen beruht auf einer wahren Geschichte: der Flucht von amerikanischen und britischen Kriegsgefangenen im März 1944 aus einem Lager in Sagan/Schlesien, ein Stück weit entfernt von Breslau. Kaum bekannt: Zwei der insgesamt 76 Geflüchteten schlugen sich bis nach Bayern durch, ehe sie doch noch geschnappt wurden. Das Ende der Offiziere Johannes Gouws und Rupert Stevens war grausam: Die Gestapo in München erschoss sie an einer abgelegenen Stelle im Niemandsland der Landkreisgrenze Freising/Pfaffenhofen, irgendwo zwischen Fürholzen und Schweitenkirchen. Das war am 29. März 1944.
„Im Film hat man die Flucht ins Schöne geholt, nach Bayern“, sagt die Historikerin Susanne Meinl, die mit ihrem Kollegen Maximilian Strnad vom Münchner Stadtarchiv jetzt die Hintergründe sowohl der realen Geschichte als auch des Filmdrehs umfassend ausgeleuchtet hat. An diesem Sonntag wird sie darüber bei einer Filmmatinee in den Münchner City Kinos berichten (siehe Hinweise). Auch der Film wird gezeigt – im amerikanischen Original. Er ist, sagt die Historikerin, „hollywood-untypisch überraschend authentisch“.
Eine riesige Filmcrew fiel 1962 in Bayern ein. An der Spitze Regisseur John Sturges, der mit einem Starensemble im Schlepptau anreiste: neben McQueen und Bronson zum Beispiel James Garner, Richard Attenborough und Hannes Messemer. Einer der Kameramänner war Walter Riml, er hatte als Ex-Vertrauter von Leni Riefenstahl allerdings einen ganz anderen Hintergrund. Man drehte bei Füssen, in Deining und Egling und vielen anderen südbayerischen Orten. Das Gefangenenlager wurde im Perlacher Forst nachgebaut, im Film sind die Bahnhöfe von Großhesselohe und Deisenhofen zu sehen, wohin es die geflüchteten Offiziere verschlägt. Und die legendäre Motorradfahrt des flüchtenden Steve McQueen, die schließlich im Stacheldrahtzaun endet, entstand nicht – wie der Film suggeriert – nahe der Schweizer Grenze. Sondern unweit der Weiler Rossmann/Benken nahe Füssen.
McQueen ist hier in seiner Paraderolle. Ein Einzelgänger, ein Querkopf, unangepasst, draufgängerisch – ein Idol der erwachenden 1960er-Revoltejahre. Allerdings gibt es hier einen kleinen Schönheitsfehler: Die halsbrecherische Fahrt auf der Triumph TR6 hat 1944 nie stattgefunden. Typisch McQueen halt – er wollte seinen Auftritt. „Ganz viele Dinge, die er im Film macht, die hat er durchgedrückt und gedroht auszusteigen, wenn er die spektakulären Szenen nicht bekommt“, sagt Meinl.
Die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager war 1944 eine todesmutige Angelegenheit. Unter dem Decknamen „Homerun“ wollten ursprünglich mehrere Hundert Gefangene fliehen und im kriegszermürbten Deutschland maximale Verwirrung stiften. Die Offiziere gingen davon aus, dass sich auch Nazideutschland an die Genfer Konvention halten würde, die besagt, dass Kriegsgefangene Sonderrechte haben und zum Beispiel nicht hingerichtet werden dürfen. Es kam anders – wie man heute weiß.
Insgesamt gelang 76 Gefangenen die Flucht durch einen Tunnel – der Film ist hier relativ originalgetreu. Weniger richtig ist, dass Hollywood-Amerika die Protagonisten des Films zu Amerikanern machte. ´Tatsächlich war es anders, weiß Meinl: „Die Amerikaner haben in Sagan überhaupt keine Rolle gespielt, weil der amerikanische Teil in diesem Lager ein gutes halbes Jahr vor dem Masseneinbruch in ein anders Teillager verlegt worden war.“ Die meisten, die ausbrachen, waren Briten, daneben Polen, Norweger, Griechen und auch – wie die beiden bei Freising ermordeten Offiziere – Südafrikaner.
Zu dem Mord an den Offizieren gibt es noch einige Fragen: So ist bisher nicht bekannt, wo die beiden Südafrikaner verhaftet wurden. Es könnte im Allgäu gewesen sein, vermuten die Historiker Meinl und Strnad, oder auch in der Rosenheimer Gegend. Im Archiv haben sie eine ungefähre Tatortskizze gefunden, die den genauen Ort aber offen lässt. „Man müsste es mit alten Karten finden können“, sagt Meinl. Nicht nur die beiden Südafrikaner wurden damals erschossen, sondern auf persönlichen Befehl Hitlers (vom Obersalzberg aus) noch 48 weitere Geflüchtete – ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht.
Die Münchner Tatbeteiligten wurden später gehenkt. Doch der Münchner Gestapo-Chef Oswald Schäfer kam davon. „Das letzte Verfahren gegen ihn wurde 1968 eingestellt“, sagt Meinl. „Ich vermute, dass er für irgendeinen Geheimdienst gearbeitet hat.“
Hinweise
Die Matinee: City Kinos, Sonnenstraße 12, So., 24. März, 11 Uhr
Diskussion mit dem Münchner Polizeipräsidenten Hubertus Andrä im Gasteig am Di., 9. April, 19 Uhr
Die Örtlichkeiten im Film lokalisiert: thegreatescapelocations.com