Kaufbeuren – Vergangenes Jahr im Juli mussten Sandra Palazzolo und Kristina Immerz eine Nachtschicht einlegen. Wieder einmal. Die beiden jungen Frauen haben an ihrem Stand beim Kunsthandwerkermarkt in Waal im Allgäu ihre Bienenwachstücher angeboten – und schon am ersten Tag war alles ausverkauft. „Wir sind heim und haben bis in die Früh nachproduziert“, erzählt Immerz. Spätestens da ist den Frauen aus Kaufbeuren klar: Sie haben etwas Großes entwickelt. Die Menschen lieben ihr Produkt. Und nicht nur die Allgäuer. Plastikmüll ist out. Was Bienen nützt, ist gefragt – nicht erst seit dem Volksbegehren.
Palazzolo und Immerz verkaufen unter dem Label „Wabenwerk“ eine naturnahe und umweltfreundliche Verpackung, die es eigentlich schon zu Omas Zeiten gab. Die geriet jedoch in Vergessenheit. Seit Herbst 2017 stellen sie Tücher aus ökologisch zertifizierten Stoffen und mit Bienenwachs in Handarbeit her. „Wir bieten eine Alternative zum Verpacken, um auf Aluminium und Plastik zu verzichten“, sagt die 31-jährige Sandra Palazzolo. „Spätestens wenn man Kinder hat, fragt man sich: Wie packe ich die Brotzeit für den Spielplatz ökologisch ein?“
Denn Immerz und Palazzolo sind keine Designerinnen, die mal eben eine Idee umsetzen. Sondern Mütter, die Haushalt und Betreuung stemmen – neben dem Teilzeitjob. Wenn vormittags Immerz’ dreieinhalb Jahre alte Tochter und Palazzolos vier Jahre alter Sohn im Kindergarten sind, arbeiten sie in der Werkstatt in Neugablonz – ein Gebäude, das im Krieg als Kantine einer Munitionsfabrik diente. Die beiden Schwägerinnen schneiden die Stoffe zu, tragen Wachs auf, verpacken. Sichtlich mit gehörig Spaß.
Ursprünglich hatten sie nur eine gemeinsame Geschenkidee. Doch dann perfektionierten sie den Bastelspaß. Bis sie den Dreh raushatten, mussten sie etwas tüfteln. Wachstücher machen entpuppte sich als nicht einfach. „Wir haben viel probiert, im Netz recherchiert“, sagt Immerz. Zuerst zerkrümelten sie Wachs auf dem Stoff. Erwärmten ihn mit dem Bügeleisen. Klappte nicht so recht, die Tücher wurden unregelmäßig. Und es blieb „viel Sauerei“. Inzwischen setzen sie Wachs im Topf an, fügen Jojobaöl und Propolis zu und beschichten die Stoffe im Backofen. Jojobaöl für die Geschmeidigkeit, Propolis wegen der desinfizierenden Wirkung.
Vielleicht liegt es auch ein bisschen an der Nostalgie, dass die Wachstücher so gut laufen. Die Stoffe sind mit Blümchen oder zartem Karo gestaltet. Zu Beginn fassen sie sich steif an, werden aber bald weicher. Und duften fein nach Bienenwachs: Ganz, wie man es bei Oma in Erinnerung hatte, die damit Obst, Gemüse, Wurst und Käse schützte. „Ich persönlich verpacke damit Brot, so bleibt es lange frisch“ sagt die 33-jährige Kristina Immerz. 14 bis 20 Euro kostet ein Tuch, je nach Größe. Hält aber ewig. Man kann es später im Backofen aufbereiten.
Mit dem Erfolg kamen Herausforderungen. Buchhaltung, Versand, Internetseite – und gesetzliche Fallstricke. Für alles, was mit Lebensmitteln in Kontakt kommt, muss eine Konformitätserklärung vorliegen. Wofür teure Labortests nötig sind. „Das hat uns als Kleingewerbe überfordert“, sagt Palazzolo. Darum weisen sie bislang Kunden schriftlich darauf hin, dass das Produkt nicht als direktes Verpackungsmaterial für Lebensmittel geeignet sei.
Da aber die Nachfrage ständig steigt – inzwischen bieten Unverpackt-Läden in Neugablonz, Durach, Aufkirch und Türkheim ihre Tücher an – wollen die Frauen nun in einen Test investieren. Der Wermutstropfen: Das Wachs ihrer Imker aus der Region können sie dann nicht mehr verwenden. Zertifiziertes Mischwachs muss her – aber zumindest aus Deutschland.
„Wabenwerk“ wächst also, ganz ohne Druck. Palazzolo hat ihren Job als Fremdsprachenkorrespondentin gekündigt, Immerz dagegen bleibt Krankenschwester in Teilzeit. „Weil ich die Sicherheit brauche und meinen Job liebe.“ Und die beiden haben etwas Neues ausgeheckt: Einkaufstüten aus Wachstuch. Eine Modedesignerin näht künftig die Taschen auf 450- Euro-Basis. „Wir sind jetzt Arbeitgeber, darauf sind wir stolz“, sagt Palazzolo.