Jede gute Ausstellung birgt mindestens ein Geheimnis! Diese Binsenweisheit wird wieder einmal bestätigt durch eine Werkschau in Dachau, die Prof. Adolf Schinnerer (1876–1949), dem ersten Präsidenten der Münchner Kunstakademie nach dem Zweiten Weltkrieg, gewidmet ist. Während Schinnerer als Maler spätimpressionistischer Gemälde noch manchem ein Begriff ist, gilt der begnadete Zeichner und Radierer fast als vergessen. Und das, obwohl er zu seiner Zeit mit Koryphäen wie Alfred Kubin, Edvard Munch und Ernst Barlach befreundet war, die sein Können über alles schätzten.
Das Geheimnis der Dachauer Ausstellung, die vorgestern zu Ende gegangen ist, liegt vor allem in einer kleinen Radierung. Sie erschließt sich (wenn überhaupt) nur in mehreren Schritten. Erster Blick: Man sieht eine festlich gekleidete Menschenmenge auf einem Kirchplatz. Offenbar hat eine Gauklertruppe ihr Zelt aufgeschlagen, auf dem Trapez sind Artisten zu sehen. Zweiter Blick: Tatsächlich, einer der Artisten stürzt laut schreiend in den Tod. Die Menge bleibt indes ungerührt fröhlich, die Clown-Kapelle spielt munter weiter. Dritter Blick: Immer mehr Artisten (oder sind es gar die Bürgerinnen und Bürger der Stadt?) drängen auf das Hochseil, um wie Schlafwandler darauf zu schweben und dann in den sicheren Tod zu stürzen. Vierter und letzter Blick: Herren in Frack und Zylinder tragen die Toten aus dem Bild, während die Menge lustig ist und die Clown-Kapelle unverdrossen trällert.
Da sich eine solche Szenerie realiter nirgendwo ereignet hat, wird es sich um eine Allegorie des politisch interessierten Künstlers handeln. Leider undatiert, dürfte sie zwischen 1910 und 1920 entstanden sein. Wenn meine Vermutung stimmt, dass Schinnerer mit seinem Bild eine bittere Allegorie auf die tödliche Sorglosigkeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschaffen hat, haben wir damit eine visionäre Sicht von größter Bedeutung vor uns. Vision und Mahnung, denn Sorglosigkeit gegenüber den Feinden von Demokratie und Frieden ist auch eine Erscheinung der Jetztzeit.
Rund hundert Jahre nach der Entstehung von Schinnerers Bild veröffentlicht der englische Historiker Christopher Clark ein Buch mit dem Titel „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Wenn das mal kein Zufall ist…