Jeder Ausnahme-Kletterer sollte mindestens ein Buch schreiben, sonst gerät er in Vergessenheit. So ist es nämlich dem Bergsteiger Peter Aufschnaiter ergangen, der im Schatten des kauzigen Genies Heinrich Harrer stand. Harrer schrieb 1956 „Sieben Jahre in Tibet“ über die Erlebnisse seiner Flucht aus einem britischen Internierungslager quer durch den Himalaya bis nach Lhasa, wo er sich mit dem Dalai Lama anfreundete. Die Geschichte ist weltberühmt – auf der Basis von Harrers Buch entstand 1997 ein gleichnamiger Kino-Blockbuster mit Brad Pitt in der Hauptrolle.
Fast in Vergessenheit geraten ist dabei, dass Harrer sich nicht allein durchschlug, sondern den Tiroler Peter Aufschnaiter an seiner Seite hatte. Anfangs waren es sogar noch mehr Leute. Davon erzählt jetzt eine neue, wuchtige Biografie, die – wie schon der Titel „Er ging voraus nach Lhasa“ andeutet – einiges geraderücken will.
Das Buch basiert auf den Tagebüchern des Alpinisten, die in der schwer entzifferbaren Gabelsberger Kurzschrift verfasst sind. Aufschnaiter (1899–1973) stammte aus Kitzbühel, seine Hausberge waren der Wilde Kaiser: Fleischbank, Goinger Halt, solche Sachen. Als Student in München wurde er Mitglied im Akademischen Alpenverein München, 1929 erwarb sich Aufschnaiter Ansehen bei seiner ersten Himalaya-Expedition zum Massiv des Kantsch (Kangchenjunga). Als Vorsitzender der Himalaya-Stiftung reiste Aufschnaiter 1939 erneut nach Tibet, um den „deutschen Schicksalsberg“ Nanga Parbat zu bezwingen – die Nationalsozialisten wollten unbedingt ihren ersten Achttausender.
Das gelang nicht, denn nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde das vom überzeugten Nationalsozialisten Paul Bauer geleitete Expeditionsteam von der britischen Kolonialregierung interniert. Das war am 3. September 1939.
Aufschlussreich ist, dass die Briten das Lager nach politischer Gesinnung unterteilten. Ein Abschnitt war für „Juden und Anti-Nazis“ vorgesehen, ein anderer für „überzeugte Nazis und Faschisten“. Hier war auch Aufschnaiter. Denn wahr ist, wie die Autoren überzeugend herausarbeiten: Aufschnaiter war ein begnadeter Bergsteiger – und ein begeisterter Nazi, der schon am 22. April 1933 der österreichischen NSDAP beigetreten war und 1945 fürchterlich enttäuscht über die Niederlage von Hitler-Deutschland war. Seine völkische Einstellung einte ihn mit vielen jungen Bergsteigern der damaligen Zeit, mit Franz Rigele, Eugen Allwein oder Wilhelm Welzenbach, die allesamt tief enttäuscht über Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg waren und nun überall „geistige Fäulnis“ witterten, die sie mit „körperlich gesundem Geschlecht“ bezwingen wollten. Und was eignete sich dafür mehr als der Hochleistungssport Alpinklettern?
Aus dem britischen Internierungslager bei Dehra Duz nördlich von Delhi brach ein Teil des Expeditionsteams am 29. April 1944 aus. Ziel war es, sich über China bis ins Hitler-verbündete Japan durchzuschlagen. Doch dazu kam es nicht.
Bei der Schilderung der Details schöpft Autor Nicholas Mailänder ganz aus den von seinem Co-Autor Otto Kompatscher übersetzten Tagebüchern. Diese Teile des Buches sind etwas weitschweifig geraten, trotz Kartenmaterials verirrt sich der Leser des öfteren in den unzähligen tibetanischen Hochtälern und Einöden, die akribisch aufgezählt und beschrieben werden. Trotzdem: Die Reiseberichte offenbaren einen Tibet-Liebhaber, der mit volkskundlicher Neugier durchs Land reist, seine Flucht an der Seite Harrers fast schwärmerisch verklärt und über Strapazen wie Malaria, Hunger und Kälte hinwegsieht. Aufschnaiter wäre wohl gerne Tibeter gewesen, er ging in Land und Leuten ganz auf. „Ein Bild, das an Schönheit und Harmonie wohl von keiner Landschaft der Erde übertroffen wird“, heißt es im Tagebuch zum Beispiel über die Gegend um den heiligen Berg Kailash. Und das ist nur eine von vielen derartigen Stellen. „Nie wieder werde ich ein Land und seine Menschen so mögen, wie ich Tibet gemocht habe“, schwärmt er.
Die Odyssee endet 1946 in Lhasa. Danach lebt Aufschnaiter fast 20 Jahre im Land, wird Landvermesser, Techniker und Volkskundler. Erst 1958 besucht er erstmals wieder seine Heimat Österreich. DIRK WALTER