Weihrauch – von Altötting in die ganze Welt

von Redaktion

Eva Kilwing, 55, ist Weihrauchhändlerin – und sie betreibt ein Weihrauchmuseum. Mehr als hier kann man nirgends über das mythische Baumharz erfahren.

VON STEFAN SESSLER (TEXT) UND STEFAN ROSSMANN (FOTOS)

Weihrauchhändlerin Eva Kilwing, 55, steht in ihrem Weihrauchladen in Altötting, Kapellplatz 2, und erzählt von der schönsten Verwechslung, die sie je erlebt hat. Sie gibt Kurse rund um das luftgetrocknete Baumharz, das die Heiligen Drei Könige schon bei sich hatten, als sie das Jesuskind besuchten. Ihre Kurse heißen „Räuchern im Alltag“ oder „Räuchern im Hausgebrauch“.

Kilwing erzählt dort, dass Weihrauch schmerzlindernde Wirkung hat. Dass Weihrauch gegen Rheuma hilft, gegen Mundgeruch, Angst, Depressionen und sogar gegen Tumorerkrankungen. Dass der Weihrauchbaum kalkhaltige Böden, Monsun und die Passatwinde liebt. Dass Weihrauch, Spitzname „Duft der Götter“, am Horn von Afrika wächst, in Arabien, Pakistan, Jemen und Indien. Dass die Priester in der Orthodoxen Kirche Weihrauch bevorzugen, das mit Rosenwasser gemischt wird. Solche Sachen und noch viel mehr.

Doch plötzlich unterbricht sie ein älterer Mann, der mit einem Bekannten zum Vortrag gekommen ist. Er war schon ganz aufgebracht. Das sei ja alles schön und gut mit dem Weihrauch, sagt er. „Aber Dirndl, wann redst denn endlich von die Fisch?“

Er hat da was missverstanden, er hat Kilwings Ankündigung in der Zeitung gelesen, „Vortrag: Räuchern im Alltag“, und gedacht, es geht um die besten Tricks für Räucher-Forelle und -Aal.

Kilwing muss herzhaft lachen, als sie die Geschichte erzählt. Es macht Spaß, der Betriebswirtin zuzuhören, die sich schon lange für chinesische Medizin und natürliche Heilkunde interessiert. Sie ist lustig, bodenständig und ein kleines Weihrauch-Lexikon. Hier in Altötting, ein paar Schritte von der Gnadenkapelle und der Schwarzen Madonna entfernt, hat sie sich einen Traum erfüllt. Ein Weihrauchmuseum, das gleichzeitig ein Weihrauchladen ist.

„Wir haben 80 verschiedene Sorten“, sagt sie. Sie heißen „Erzengel“, „Rauhnacht“, „Lebensfreude“, „Tage in Moll“, „Höhenflug“ oder auch „Original Altöttinger Weihrauch“. Kilwing stellt die Mischungen selbst zusammen. Manche sind rot eingefärbt, andere gelb, blau oder lila. Ein Professor der Neurologie, kein Scherz, hilft bei der Farbenwahl. Weil: Das Auge räuchert mit.

Der „Altöttinger Weihrauch“ ist der Klassiker in Kilwings Sortiment, die Pilger kaufen ihn beutelweise. Er besteht unter anderem aus Weihrauch aus dem Oman und dem Naturharz Styrax.

„Man wollte früher schon nur das Schönste für die Götter haben“, sagt Kilwing. Weihrauch war einer der wertvollsten Rohstoffe im Altertum. Das Erdöl der Antike. Es hat Kriege darum gegeben, weil die Ernte so mühselig ist und war. Um an den wohlriechenden Stoff zu gelangen, werden die Weihrauchbäume angeritzt, damit der weiße Saft austritt, der dann wochenlang trocknet. Es wird einmal geritzt, zweimal, dreimal, aber erst beim vierten und fünften Ritzen, sagt Kilwing, kommt der echte, der gute Weihrauch raus. Er wird traditionell in Höhlen und Felsvorsprüngen getrocknet, manchmal zwei Jahre. Erst dann ist er fertig, kirchenfertig.

Es gibt auch viel mangelhafte Ware auf dem Markt, die raucht wie der Teufel und auch so riecht. Aber bei der Großhändlerin, die vor 20 Jahren angefangen hat, kommt nur beste Ware ins Lager. Preis: 89 bis 320 Euro, je nach Sorte. Pro Kilo. Sie beliefert alle Kirchen in Altötting mit dem kostbaren Stoff, dessen ätherische Öle für den Duft sorgen, sobald Hitze ins Spiel kommt. Oft kommen die Mesner zu ihr und lassen sich beraten, manchmal auch die Ministranten. Sie sagen dann: „Ich brauche was Passendes für die Altarweihe?“. Oder: „Ich brauche was fürs Stundengebet und fürs Hochamt?“ Eva Kilwing, deren Familie seit drei Generationen in dem Wallfahrtsort lebt, hat für jeden Anlass den passenden Rauch im Angebot.

Sie versorgt auch viele Kirchen in Rom mit Weihrauch, die Frauenkirche in München, sie schickt regelmäßig Pakete nach Amerika, Hongkong oder Südamerika. Sogar die katholische Kirchengemeinde auf der Karibikinsel St. Lucia bestellt in Altötting ihren Weihrauch, immer drei bis vier Kilo auf einmal. „Da kostet das Paket mehr als der Inhalt“, sagt Kilwing und lacht. Aber es macht sie natürlich stolz. Ihr Weihrauch hat Weltruhm. Sogar Papst Benedikt hat zum Geburtstag mal eine edle Weihrauch-Auswahl von seiner Landsfrau geschenkt bekommen. Der Altöttinger Bürgermeister hat ihm ein eigens geschnitztes Holzkasterl mit Weihrauch übergeben. Ob er es benutzt hat, ist nicht überliefert. Aber alles andere würde einen schon wundern.

„Weihrauch ist ein Volkskulturgut“, sagt Kilwing. Ein Wundermittel mit Seele und Geschmack. Sie hat ihr Museum geöffnet, weil sie an die Kraft des Harzes glaubt, an seine heilende und beruhigende Wirkung, aber auch weil so ein Museum perfekt zum Ort passt. „Wir haben eröffnet“, sagt sie, „um mit dem Vorurteil aufzuräumen, Altötting dodelt nur, dass man hier nur zum Beten hingeht. Das stimmt nicht.“ Man kann in Altötting auch andere Sachen machen. „Manche Münchner“, sagt sie, „kommen inzwischen her, um Wellness zu machen.“ Oder eben, um die neuesten Weihrauch-Trends zu erleben.

Kilwing nimmt einen großen Brocken Weihrauch aus einer der goldenen Schalen, zündet ein Stück Kohle an und legt den Weihrauch drauf. „Der Rauch kimmt glei“, sagt sie. Es dauert, aber nur kurz. Dann duftet es, dann wird der Weihrauch nach und nach flüssig. Es riecht frisch, kräuterig, würzig, ätherisch.

„Den Menschen“, sagt sie, „macht das Beten wieder mehr Spaß, wenn es eine sinnliche Erfahrung ist.“ Weihrauch sorgt für einen kleinen religiösen Kitzel – und er macht noch was. „Er desinfiziert die Raumluft“, sagt Kilwing, „das ist ein Grund, warum er in der Kirche eingesetzt wird.“ Früher haben die Menschen nach dem Pilgern in der Kirche übernachtet – der Weihrauch war schon aus Geruchsgründen eine wichtige Sache.

Noch heute gibt es die Sorge vieler Gläubigen, dass sie während der Messe in Ohnmacht fallen, wenn zu viel Weihrauch im Einsatz ist. Kilwing sagt: „Wenn jemand niedrigen Blutdruck hat, dann reagiert er auf Weihrauch.“ Manchmal ist aber auch minderwertiger Weihrauch im Einsatz. „Es können viele Sachen zamkommen“, sagt die Expertin, „kalt, dunkel, nüchterner Magen, wenn man dann noch einen Ministranten derwischt, der den Pfarrer ned mog.. Der macht dann was dazu, was furchtbar riecht oder er macht das Weihrauchgefäß so heiß, dass der Priester sich die Finger verbrennt. Gibt’s ois.“

Das ist natürlich gemein, aber da kann der Weihrauch nichts dafür. Weihrauch duftet gut, er macht jeden Ort ein bisschen heilig, aber glauben muss der Mensch halt doch noch selber.

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