Die grüne Welle

von Redaktion

VON KATHRIN BRACK

Tuching/München – Früher ist Anna Waldhauser im Sommer oft zu ihrer Schwester geradelt, um auf dem Bauernhof zu helfen. „Die hatten ein wunderschönes Maisfeld“, erzählt sie. Eines Tages war das ganze Feld ruiniert. „Mein Schwager hatte zu viel gespritzt, und ihm ist alles eingegangen.“

Anna Waldhauser aus Tuching (Kreis Freising) ärgert sich, wenn die Natur zerstört wird. Wenn Pflanzen übermäßig gespritzt werden und „man nichts mehr essen kann, weil alles vergiftet ist“. Im Herzen war die 87-Jährige irgendwie schon immer eine Grüne. „Aber politisch aktiv sein, das ging früher nicht als Frau.“ Ihr Mann Johann war viele Jahre bei der SPD, erzählt sie, da stand sie ihm natürlich zur Seite. „Aber als Frau hattest Du in der Partei nix zu sagen.“ Dass es nie zu spät ist, etwas zu sagen, hat Anna Waldhauser im hohen Alter entschieden. Ihr Enkel Nico war es, der sie überzeugte, Mitglied bei den Grünen zu werden.

Bayern grünt, und das liegt nicht allein am Frühling: Die Partei spürt das aufkeimende Bewusstsein der Menschen für Umwelt und Klima. Zwischen Dezember 2017 und Dezember 2018 ist die Zahl der Mitglieder in Oberbayern um 31 Prozent gestiegen. In den vergangenen Monaten wurden rund ein Dutzend neue Ortsverbände gegründet. „Besonders viel tut sich im Kreis Erding, aber auch im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen“, sagt eine Sprecherin.

2020 wolle die Partei in jedem Landkreis einen Kandidaten für den Posten des Landrats aufstellen und ist zuversichtlich: „In Landkreisen wie Freising oder Starnberg sind wir bereits die zweitstärkste Kraft.“

Einen Boom will der Fraktionsvorsitzende das nicht nennen. Ludwig Hartmann sagt: „Das ist ein Vertrauensvorschuss.“ Er habe schon einmal eine grüne Hochphase erlebt, hernach sei es wieder bergab gegangen. Dass sie inzwischen auch auf dem Land zulegen, freut Hartmann trotzdem. „Die Kommunalwahl im kommenden Jahr wird die Messlatte sein, ob wir diesem Vertrauen gerecht werden können“, sagt er. Bis dahin will die Partei 100 neu gegründete Ortsverbände erreichen, „da sind wir auf einem guten Weg“. Auch die Zahl der Mandate soll mit der Wahl steigen: von 1800 auf mindestens 2500.

Machen Bayerns Grüne etwas anders als die Kollegen in anderen Bundesländern? Ludwig Hartmann sagt, er habe erst vor Kurzem die Thüringer Grünen besucht und das bayerische Erfolgsrezept erklärt: „Nach der verbockten Landtagswahl 2013 haben wir vieles geändert, uns wieder auf unsere Kernthemen und Schwerpunkte besonnen“, sagt Hartmann. Es gehe nicht darum, „immer alle Themen zu bedienen“.

Stattdessen hätten sie die Themen angesprochen, die den Menschen auf den Nägeln brennen und gezeigt, was diese Themen konkret vor Ort bedeuten. Wie beim Volksbegehren für Artenvielfalt. Das habe zwar nicht jedem gefallen, „aber wir können auch nicht jedem gefallen. Das war der große Fehler der SPD: es allen recht machen zu wollen“.

Neuzugang Anna Waldhauser wünscht sich, dass die Grünen eine starke Kraft in Bayern werden und bleiben. Aktiv einbringen kann sie sich dabei nicht mehr: Sie hat zwei künstliche Hüftgelenke und sitzt im Rollstuhl. „Das kann ich leider nimmer.“ Sie hofft, dass sie stattdessen mit ihrem Eintritt in die Partei ein Zeichen setzen kann. „Wenn ich noch jung und gesund wär’, dann würd’ ich gscheid mitmischen.“

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