Markt Indersdorf – Eine Filmszene hätte nicht dramatischer sein können. In den späten Abendstunden des 14. Juni 2018 raste ein Mann mit einem kleinen Wohnmobil über den Feldweg zwischen Penny und Rewe in Markt Indersdorf (Kreis Dachau). Der 33-Jährige war außer sich vor Empörung. Plötzlich zog er das Fahrzeug auf eine Wiese, die direkt auf ein Haus zuführte. Mit Tempo 50 durchbrach er eine rund zwei Meter hohe Hecke samt Zaun und schoss über die Terrasse in das Einfamilienhaus, bis er bis zur Hälfte mit dem Bus im Eingang zum Wohnzimmer stecken blieb.
Die Hausbesitzerin, die sich ins Badezimmer begeben hatte, hörte ein lautes Scheppern. Sofort befürchtete sie, dass ihr Ex-Freund eine Scheibe eingeschlagen hätte. „Geht’s noch“, rief sie verärgert und öffnete das Badezimmer-Fenster. Da sah sie ihren einstigen Verlobten aus der Beifahrertür des Wohnmobils krabbeln. Sie ergriff sofort die Flucht, rannte aus dem Haus, er hinterher. Als er sie einholte, soll er die 30-Jährige umgeworfen und ihr das Gesicht zusammengequetscht haben. „Ich habe dich immer geliebt“, schrie er verzweifelt und drohte ihr: „Ich bringe dich um, das war Dein größter Fehler.“ Doch so weit kam es nicht. Als er ihr einen Faustschlag ins Gesicht versetzen wollte, wurde er vom neuen Freund weggerissen. Vor dem Landgericht München II wurde ihm der Prozess wegen versuchten Mordes gemacht.
Täter und Opfer hatten ursprünglich eine harmonische Beziehung gepflegt. Sie lernten sich in der Kfz-Werkstatt ihres Vaters in Markt Indersdorf kennen. Er reparierte Autos, sie war die „Bürodame“, wie der Vorsitzende Richter Thomas Bott resümierte. Es sollten jedoch zwei, drei Jahre vergehen, bis beide zueinanderfanden. Beide verbanden einige Gemeinsamkeiten. Jeder hatte bereits über viele Jahre in einer letztendlich gescheiterten Beziehung gelebt, aus der jeweils eine kleine Tochter hervorging. Schließlich zog er in das Haus ein, das die 30-Jährige zusammen mit ihrem Ex-Freund gebaut hatte. Zur Tochter seiner Freundin fand der Angeklagte guten Kontakt. Seine Tochter und seine Freundin kamen jedoch so schlecht miteinander zurecht, dass der Kontakt zur Tochter abbrach.
Anfang Juni 2018 lernte die 30-Jährige einen anderen Mann kennen, der ihr Leben wie auch ihre Beziehung komplett auf den Kopf stellte. Sie erbat sich eine Auszeit vom Angeklagten, an deren Ende sie sich von ihm trennte. Angeblich hatte er sie mit seiner Liebe regelrecht erdrückt. Ihn traf das Ende wie ein Hammer.
Eines Abends versteckte er sich im Gebüsch und belauschte seine Ex-Verlobte und ihren Neuen auf der Terrasse. Von dort schrieb er ihr eine unschöne Whatsapp-Nachricht mit der Beleidigung: „Du verlogenes Miststück.“ In der Folgezeit verlangte er seine Möbel und seine Bilder heraus, Schmuck, den er ihr geschenkt hatte, und einen TV-Receiver. Außerdem bestand er darauf, den Bus behalten zu dürfen, den er schließlich im Wut-Wahn ins Haus lenkte.
In einer Erklärung räumte er zu Prozessauftakt die Tat ein. Er habe jedoch nie jemandem etwas antun wollen. „Es tut mir alles so wahnsinnig leid, ich würde es gerne rückgängig machen“, sagte er und starrte anschließend zu Boden. Seine Ex-Verlobte schaute er bei deren anschließender Vernehmung kein einziges Mal an. Er selbst machte zur Tat keine Angaben. Auch der Hinweis des Richters, dass natürlich die entscheidende Frage des Prozesses sein werde, mit welchen Gedanken der Täter im dritten Gang durch Hecke und Zaun gebrettert sei, blieb unbeantwortet. Der Prozess wird fortgesetzt.