Fürstenzell – Felix steckt den Schlüssel ins Zündschloss und dreht ihn nach rechts. Der Motor springt an und schnurrt wie ein Kätzchen. Das Abblendlicht des weißen Fahrzeugs und das Armaturenbrett beginnen bläulich zu leuchten – Xenonlicht. Die Reifen strahlen in Rot. Das Fahrzeug der Serie AMG sieht futuristisch aus, mit seinen Lampen und Anzeigen. Vor der Kühlerhaube ist eine Kehrbürste angebracht. Sie fährt nach Bedarf auf und ab, nach links oder rechts. Am Heck des Wagens ist ein Salzstreuer installiert. Vorne neben der Windschutzscheibe leuchtet ein kleiner Punkt einer Videokamera in Rot. Das Auto fährt vor und zurück in der Werkstatt im Erdgeschoss des Maristengymnasiums Fürstenzell (Landkreis Passau).
Gesteuert wird alles in dem modernen SUV von Erik und Felix. Die beiden Schüler stehen vor einem etwa 20 Zentimeter großen Bildschirm, der in Echtzeit die Blickrichtung des Fahrzeugs zeigt. Verletzt werden kann bei der Probefahrt im Gebäude niemand, obwohl die zwei nicht einmal einen Führerschein haben. Sie sind erst zehn Jahre alt, haben aber mit ihrem Mercedes schon eine ordentliche Erfindung zu präsentieren.
Nein, bei dem aufgemotzten AMG S63 handelt es sich um kein richtiges Auto. Es ist ein kleines Elektroauto für Kinder, eigentlich ein Spielzeug. Ein Vater der Schüler hat es für den Erfinderunterricht am MGZ gestiftet. Auffrisiert haben es die Kinder selbst. „Sie hatten die Idee, ein ferngesteuertes Auto zum Schneeräumen oder zum Säubern der Einfahrt zu erfinden“, sagt Manfred Koser, der Fachlehrer der beiden. Die Zehnjährigen haben ganze Arbeit geleistet. Ihre Erfindung nennen sie Fükus – die Kurzform von „ferngesteuertes Überwachungskehr- und Streugerät“.
Stolz schaut Koser auf seine Schützlinge. Der 70-Jährige ist der Leiter des Wahlfachs Erfinden am Maristengymnasium in Fürstenzell. Felix und Erik sind die jüngsten Teilnehmer in seinem Unterricht. „Mit dem Fahrzeug braucht man nicht einmal das Haus zu verlassen“, sagt er. Per Fernbedienung kann es in der Wohnung gesteuert und mit der Kamera in Echtzeit überwacht werden.
Neben dem Gefährt steht Hagen Koch, 18, und bastelt ebenfalls an einem Miniaturfahrzeug herum. Er ist der älteste Schüler des Erfinderunterrichts. Ein kleiner, weißer Lkw steht vor dem Zwölftklässler auf der Werkbank. Er befestigt eine wenige Millimeter dicke LED-Leiste an der Seite. „Ich lese oft in der Zeitung, dass Lastwagen Fahrradfahrer übersehen, wenn sie rechts abbiegen wollen.“ Kochs Idee: Es sollten auch Radler akustisch und optisch gewarnt werden, wenn der Lkw abbiegt. „Eine leuchtende Leiste auf Augenhöhe der Zweiräder signalisiert ihnen sofort, wenn der Lkw abbiegen will.“ Dazu gibt es ein Tonsignal. Seine Erfindung will er noch weiter verbessern. „Mit Bluetooth könnten Signale an eine Handy-App gesendet werden.“ Das Handy vibriert dann und weist auf den Laster hin.
Ein weiterer Erfinder ist Marco Reitmeier, ebenfalls 18. Er hat einen Türstock entwickelt, der mittels Laserschranken und Fotosensoren die Anzahl von Personen zählt, die sich im Raum befinden. „Damit könnte dann intelligent das Licht gesteuert werden“, sagt er. Würde der letzte den Raum verlassen, ginge es automatisch aus.
Wie viele Ideen hier in Manfred Kosers Werkstatt in seinen 20 Jahren als Fachlehrer bereits entstanden sind, weiß er nicht mehr genau. „Um die 500 Projekte sind es sicher.“ Er kam durch Zufall zu diesem Job. Seine Tochter Iris Koser, heute 33, wollte damals wie so viele Schüler alleine wegen des Erfinderunterrichts auf das Gymnasium. Kunsterzieher Hubert Fenzl hat den Unterricht 1983 als Erstes weltweit ins Leben gerufen. 1999 erkrankte Fenzl allerdings. Koser, selbst als Elektrotechniker in der Entwicklung in Krankenhäusern tätig, war wie prädestiniert für diese Arbeit. „Es sollte aber nur aushilfsmäßig für ein paar Monate sein.“ Mittlerweile sind 20 Jahre daraus geworden. Auf zahlreichen Erfindermessen räumte er mit seinen Schülern schon Preise ab.
Dort bekommen die Kinder und Jugendlichen eine große Bühne, was aber auch listige Machenschaften mit sich brachte. „Dort sind auch Erfinder-Haie unterwegs“, sagt er. Ideenklauer. So kam es schon oft vor, dass immer wieder Produkte auf den Markt kamen, „die Jahre zuvor als Schülererfindungen im Maristengymnasium präsentiert wurden“. Beispielsweise jene von Schüler Marco Reitmeier. Er entwickelte einen Rasenmäher mit integriertem Trimmer an der Seite. Ein Jahr später war die Erfindung von einem namhaften deutschen Hersteller einfach übernommen worden. „Nicht nur fernöstliche Firmen bereichern sich an unseren Ideen.“
Schutz gibt es keinen. Patente kann sich die Schule nicht leisten. „Wir finanzieren uns ausschließlich durch Spenden.“ Somit sind die Erfindungen der fleißigen Schüler Freiwild auf dem hart umkämpften Markt der Elektro-Artikel. „Die öffentliche Hand verhält sich da nicht besser.“ Während der Staat vieles fördert, gehe die Erfinderklasse komplett leer aus. „Es gibt keinen Cent.“ Und das, obwohl Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schon 1999 als Vorsitzender der Jungen Union die Schule besuchte und sehr begeistert von der Klasse war, berichtet Koser.
Doch unterm Strich geht es ihm sowieso mehr um den Lerneffekt für die Kinder. „In technischen Berufen, ob in der Industrie, der Wirtschaft oder in der Forschung, sind erfahrene und erfolgreiche Erfinderschüler besonders gefragt“, sagt er. Bestes Beispiel ist seine eigene Tochter. Ihr hat der Erfinderunterricht so gut gefallen, dass sie in Forschung und Entwicklung blieb. „Heute ist sie am bedeutendsten IT- und Hightech-Forschungsstandort in Silicon Valley in den USA tätig und arbeitet für die größten Autofirmen der Welt.“
Eine Erfolgsgeschichte, die in der kleinen Werkstatt im Keller des Maristengymnasiums in Fürstenzell begonnen hat.