München – Totenbleiche Schüler, manche mit Tränen in den Augen – viele Eltern fanden ihre Kinder nach dem vierstündigen Mathe-Abitur am vergangenen Freitag in einem desolaten Zustand vor. Die Aufgabenstellungen vor allem in Stochastik und Geometrie waren für viele Schüler offenbar eine hohe Hürde.
Nach dem Entsetzen kam die Wut: Eine Schülerin startete eine Online-Petition bei change.org, die sofort massenhaft Unterstützer fand. Gestern Nachmittag hatte die Petition gegen das Mathe-Abitur schon über 45 000 Unterzeichner – bei nur insgesamt 37 000 Abiturienten in Bayern. „Wahrscheinlich haben auch viele Omas, Opas und Tanten unterschrieben“, sagt ein Lehrer. Auch die Münchnerin Bettina Cornean (26), Lehrerin im Fach Mathematik an einer Privatschule, unterstützt die Petition. „Mit Stolz kann ich sagen, dass ich bereits über 150 Schüler durchs Mathe-Abi gebracht habe und eine Null-Prozent-Durchfall-Quote aufweisen kann.“ Das, so denkt sie, wird sich heuer leider ändern.
Nicht alle indes teilen die These vom schwersten Abitur aller Zeiten: Entwarnung gibt der Lehrer Florian Borges. Er ist stellvertretender Leiter des Annette-Kolb-Gymnasiums in Traunstein und Fachgruppen-Leiter für Mathematik beim Bayerischen Philologenverband. „Da waren natürlich ein paar Gemeinheiten drin, das ist immer so“, sagt er unserer Zeitung. Doch die Aufregung sei ein paar Nummern zu hoch gehängt. „Jeder Jahrgang meint, dass er das schwerste Abitur aller Zeiten macht.“ Letztlich aber seien die Aufgaben machbar gewesen. Der Lehrer wagt sogar die Aussage: „Wer hier null Punkte bekommt, hat das Abitur nicht verdient.“
Dazu muss man wissen, dass das Abitur drei Aufgabengruppen mit jeweils zwei Aufgaben umfasst: in Analysis, in Stochastik (Wahrscheinlichkeits-Rechnung) und Geometrie. Allein für Analysis kann man 60 von insgesamt 120 Bewertungspunkten erhalten, „und hier waren viele Standardaufgaben enthalten“, so Borges. „Das war machbar, keine Frage.“ Stochastik und Geometrie zählen je 30 Punkte. Auch hier gab es mehrere unterschiedlich schwere Teilaufgaben. Schüler schäumen vor allem über eine offenbar besonders knifflige mit Lostöpfen (siehe Kasten). „Die ausufernde Textlastigkeit dieser Aufgabe stört mich auch“, sagt Borges. Online-Petenten formulieren es drastischer: Die Schüler seien „semantisch zugemüllt“ worden. Allerdings zählt die Aufgabe auch nur fünf Punkte. „Unsere Lehrer fanden das machbar“, sagt Walter Baier, Leiter des Gymnasiums in Bruckmühl. Er gibt zu bedenken, dass das Leseverständnis zum Abitur gehöre. „Eine Aufgabe zu verstehen, ist oft schwerer, als sie zu lösen.“
Wie dem auch sei – das Kultusministerium will das Mathematik-Abitur am heutigen Montag prüfen. Falls die Aufgaben „deutlich schwerer waren als in den vergangenen Jahren“, müsse der Notenschlüssel gesenkt werden, fordert die bildungspolitische Sprecherin der Landtags-SPD, Simone Strohmayr.