München – Wer im ländlichen Raum von der Autobahn abbiegt, dessen Blick fällt oft zuerst auf einen Baumarkt oder Discounter – noch vor dem Ortsschild. Das Dorf selbst blutet dagegen aus. Politologen zufolge verdanken die Grünen ihren sensationellen Erfolg bei der Landtagswahl nicht zuletzt ihrem Kampf gegen den Flächenfraß. Doch bereits viele Jahre, bevor die Ökopartei das Thema mithilfe eines Volksbegehrens im Frühjahr 2018 in die breite Öffentlichkeit trug, und in der Folge in Umfragen massiv zulegte, kritisierte auch ein der Partei nicht nahestehender Mann den steigenden Flächenverbrauch ein ums andere mal scharf. Holger Magel, Präsident der Bayerische Akademie Ländlicher Raum, hatte im Jahr 2001 gewarnt, in nur drei Jahrzehnten sei die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf von 17 auf 38 Quadratmetern angestiegen.
Magel, zu jener Zeit noch Professor für Bodenordnung und Landentwicklung an der TU München, und seit 1994 an der Spitze der Akademie, fand klare Worte: Um die momentane Entwicklung aufzuhalten, „müssen wir uns auch davon verabschieden, dass unser Heil und Glück ausschließlich in einem Neubau auf der grünen Wiese liegt“.
Es sollte dauern, bis sich auch die Staatsregierung dieser Einsicht öffnete. Doch in den 25 Jahren, in denen Magel die Akademie führte, musste er auch bei anderen Themen geduldig sein. „Seit vielen Jahren fordern wir, dass der öffentliche Nahverkehr auf dem Land ausgebaut wird.“ Zuletzt habe es hierbei durchaus Fortschritte gegeben, sagt der 75-Jährige: „Doch es bleibt einiges zu tun.“
Die Akademie ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit 1988 für die Belange des ländlichen Raums einsetzt. Sie hat sich auch der besseren wissenschaftlichen Erforschung der Bedürfnisse des ländlichen Raums verschrieben. Seit vielen Jahren kämpft Magel zudem für „gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern“. Er war Mitglied der gleichnamigen Enquete-Kommission, die 2018 vor dem Landtag ihre Ergebnisse vorstellte. „Hier hat sich viel getan“, sagt er. Doch Magel konstatiert auch, dass es in einzelnen Regionen, etwa in Teilen Oberfrankens, noch immer große Probleme gebe. „Und weil nicht nur die Attraktivität des ländlichen Raums, sondern auch die der Großstädte, durch ein Plus an hochqualifizierten Arbeitsplätzen weiter zugelegt hat, bleibt der Zuzug in die Metropolen ungebrochen“, weiß der Professor.
Dieser Trend gehe dann mit den bekannten Problemen wie explodierenden Mieten einher. Und selbst, wenn wie zuletzt mehr Menschen ins Umland zögen, aber weiterhin in den Städten arbeiteten, bleibe aus umweltpolitischer Sicht das Problem, dass sie pendeln müssten.
Magel lobt, dass die Staatsregierung mit dem Umzug oder der Ansiedlung von Hochschulen und Behörden in ländliche Regionen die richtigen Impulse zu dessen Stärkung gesetzt habe. Nun sei jedoch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) gefragt. „Er muss, wie vor der Wahl versprochen, im ländlichen Raum Wohnen und Arbeiten zusammenbringen.“ Als gelungenes Vorbild sieht er die Ansiedlung des größten BMW-Werks in Dingolfing vor einem halben Jahrhundert, mit staatlicher Schützenhilfe.
Magel legt heute bei einem Festakt aus Altersgründen sein Amt nieder. Ihm folgt sein bisheriger Vize Manfred Miosga nach. Magel, der künftig mehr Zeit für Reisen mit seiner Frau hat, erhält für seien Arbeit Lob aus verschiedenen politischen Lagern. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) betont dessen „Liebe zur Heimat und das Engagement für die Landschaft und die Lebensqualität in den Dörfern“. Und Ludwig Hartmann, Chef der Grünen-Landtagsfraktion, nennt Magel „einen leidenschaftlichen Streiter für den ländlichen Raum“.