Knistern. Kratzen. Gänsehaut! Willkommen in der Schatzhöhle der Schallplatten-Nostalgie. Zielsicher setzt Gerhard Hattinger die Nadel des Plattenspielers auf die Rille, knistern, kratzen, dann: Trompete, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang. Eine Frauenstimme singt locker-flockig-leicht „Love and Kisses“. Geht direkt in die Beine, am liebsten möchte man gleich zu tanzen beginnen. Es ist Rockabilly-Sängerin Janis Martin (1940 bis 2007), Spitzname: der „weibliche Elvis“.
Gerhard Hattinger wippt im Takt mit, grinst und sagt: „Das ist die erste Single, die ich mir gekauft habe.“ Eine Single zu kaufen, erzählt er, „das war damals schon irre“.
1954 hat Hattinger mit neun Jahren das erste Mal Taschengeld für eine Schallplatte ausgegeben. Im Jahr 2019 sagt der 74-Jährige: „Die jetzige Verfügbarkeit von Musik kann man mit früher überhaupt nicht vergleichen.“ Streamingdienste und Internet machen Musik überall und völlig simpel verfügbar. Kann ja jeder. Außerdem: Wo ist das Gefühl? „Ich möchte was in den Händen halten“, sagt Gerhard Hattinger. Die Platte, die Hülle, das Bild darauf, Informationen und Songtexte, die mit in die Plattenhülle gesteckt sind. Und auch das: der Geruch der schwarzen Scheibe, der Geruch der Hülle, manchmal leicht modrig, aber unverkennbar. Die Schallplatte als ganzheitliches Sinnerlebnis.
„Streaming-Portale sind für mich tote Musik. Ich will immer das Original“, sagt Hattinger, während Janis Martin immer noch von „Love and Kisses“ singt.
Wer früher eine Single hatte, war ein Held. Zu dem sind die Freunde gekommen zum gemeinsamen Anhören, die kleine schwarze Scheibe mit dem Loch in der Mitte wurde wie ein Schatz gehütet. Besondere Freunde durften sie ausnahmsweise mal für ein paar Tage ausleihen. Aber gut darauf aufpassen! Gerhard Hattinger, der mit seiner Familie seit 1992 in der Gemeinde Pliening im Landkreis Ebersberg lebt, war oft ein Held. Er ist es immer noch. Weil: Er hat sie alle, die Originale.
Die Schatzhöhle befindet sich im Keller seines Hauses. Wie viel all die Schallplatten wert sind, die alle vier Wände vom Boden bis unter die Decke ausfüllen? Das vermag der Sammler gar nicht zu sagen. Ist ihm auch egal. Er hat sie einfach. Geordnet nach Genre und Alphabet. Rock’n’Roll, Jazz, Schlager, Klassik und, und, und. Von Abba bis Zappa – das war die Klassiker-Antwort eines DJs in früheren Zeiten auf die Frage, welche Schallplatten er denn dabei habe.
Gerhard Hattingers Schatz in Zahlen: 20 000 Singles, 15 000 Schallplatten, dazu 8000 CDs. 20 alte Schallplattenspieler, sechs davon noch in Betrieb. Und Tonbandabspielgeräte und ein riesiges Mischpult. Und überhaupt: Gerhard Hattinger legt heute noch als DJ auf. Bei Geburtstagen und Ü50-Partys. Zeitreise zurück in die Jugend, inklusive Knistern und Kratzen. Zurück, als „Musik ein Lebensgefühl“ war, wie es der Sammler und DJ ausdrückt. „Heute ist Musik nur noch Massenware.“
Janis Martin hat zu Ende gesungen, vorsichtig hebt Gerhard Hattinger die Plattennadel von der Scheibe und steckt die Single zurück in die Hülle. Jetzt holt er eine EP aus einer roten Plastikbox. EP steht für „Extended Play“, ein Tonträger mit mehreren Liedern auf einer Seite, mehr als eine Single, weniger als ein Album. Wieder knistert und kratzt es, Elvis Presley singt „Blue Suede Shoes“.
Mit zwölf Jahren hat Hattinger zum ersten Mal Elvis gehört. „Das war einfach…“ – er ballt seine Fäuste, reckt schmunzelnd die Hände in die Höhe und deutet damit an, wie die Musik von Elvis Presley damals eingeschlagen hat. Aufbegehren der Jugend, Musik aus Amerika, Rebellion gegen die Eltern. Elvis war all das.
Die EP war Hattingers erste Elvis-Platte, heute hat er alle im Original – sowohl die amerikanischen als auch die deutschen Veröffentlichungen. Richtig gelesen: alle.
Nächste Scheibe, jetzt ist die Stimme des „King“ zu hören, ohne Musik. Im Hintergrund tutet ein Dampfer. „Elvis sails“ steht auf der Plattenhülle. Eine Interview-Scheibe, aufgenommen 1958 auf der Fahrt nach Hamburg, als Elvis Presley zum Militärdienst nach Deutschland reiste. Ein Stück Zeitgeschichte auf Vinyl.
Als vor 27 Jahren das Haus in Pliening geplant wurde, hat Gerhard Hattinger seiner Familie gleich gesagt: Ein Raum im Keller gehört meiner Musik. Macht er heute den Lichtschalter an, leuchten Spots auf und bunte Discokugeln drehen sich. Manchmal kommen Freunde, ebenfalls Schallplattensammler, bringen ihre Schätze mit und gemeinsam hören und schwelgen sie in Erinnerungen. Und tauschen sich aus, wo wieder eine Plattenbörse stattfindet, weil: Die Suche nach Originalen geht für Gerhard Hattinger, der früher im Hauptberuf in leitenden Positionen tätig war, immer weiter.
Dass er einige tausend Singles doppelt hat, weil er bei Flohmärkten, wenn er ein Exemplar in der Hand hält, nicht mehr sicher weiß, ob er genau das nun schon hat oder doch ein anderes mit einer anderen Hülle – wurscht. Ihm geht es eh nicht nur um die Musik, sondern um die Geschichte dahinter. Wer hat welches Lied geschrieben, gibt’s vom Komponisten, der auf der Platte gar nicht der Sänger ist, vielleicht auch ein eigenes Projekt, eine eigene Schallplatte? Falls ja: Welche, und wie bekomme ich sie?
Mit solchen Fragen beschäftigt sich Gerhard Hattinger. Er ist ein wandelndes Musiklexikon, das Sätze sagt wie: „Texte und Aussagen wie in der heutigen Rap-Musik hat es früher auch schon gegeben.“ Er verweist auf den österreichischen Musiker und Maler Arik Brauer, der bereits in den 1970er-Jahren Texte geschrieben hat, die angeeckt sind. Oder Georg Danzer. Hattinger hat viele seiner Lieblingsmusiker live auf der Bühne gesehen. Nur Elvis Presley nicht. Dafür Fats Domino, im Circus Krone in München. Als das Konzert zu Ende war, schickte er seine Tochter mit einer alten Fats-Domino-Platte nach vorne zum Signieren. „Es waren so viele Leute bei ihm auf der Bühne, als meine Tochter drankam und ihm die Platte hinhielt, nahm er sie, schaute kurz drauf und legte sie aufs Klavier“, erzählt Gerhard Hattinger.
Danach gab der US-Sänger und Pianist weiter Autogramme. „Als alle Leute weg waren, holte er uns zu sich, nahm die Platte und sagte: Unglaublich, dass die noch jemand besitzt“. Es war eine der allerersten Fats-Domino-Scheiben überhaupt.
Stundenlang könnte man im Musikzimmer von Gerhard Hattinger verbringen. Ach was: tagelang. So viel Nostalgie in einem Raum. Dort Neue Deutsche Welle, hier Rock’n’Roll, Musik aus den 1950er- bis etwa 1990er-Jahren auf Vinyl. Dazwischen, eingerahmt und aufgehängt, zahlreiche Eintrittskarten von Konzerten sowie Originalautogramme. Zum Beispiel von den Beatles. „Von denen habe ich auch jede Platte, ist eh klar“, sagt Hattinger schmunzelnd.
Dann zieht er wieder ein paar alte Scheiben aus dem Regal – dieses Mal von den Stray Cats. Eine US-amerikanische Band, die heuer ihr 40-jähriges Jubiläum feiert. Unter anderem mit einem Konzert am 11. Juli im Münchner Zenith. „Da gehe ich freilich hin“, sagt der Sammler, legt die Stray-Cats-Scheibe auf, Nadel drauf, es knistert und kratzt – und es kribbelt im ganzen Körper. Rockabilly pur und laut.
Mitwippen, tanzen, hier in der Musikschatzhöhle von Gerhard Hattinger. Jetzt.