Kurz nach dem Krieg, sagt Peter Gloël, Chef der Polizeiinspektion in München-Laim, ist die Zahl von Mord und Totschlag in München alarmierend gestiegen. Einbrüche, Überfälle und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Und die Polizei war im Kampf gegen das Verbrechen nahezu machtlos.
Um diesen Zustand einigermaßen in den Griff zu kriegen, gab es in München bald Überlegungen, motorisierte Streifenfahrzeuge einzusetzen, die über Funk von einer Feststation aus dirigiert werden können. „Vorher sind die Leute zu den jeweiligen Wachen gegangen oder haben dort angerufen, die Polizisten waren zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, eine zentrale Nummer gab es nicht“, sagt Gloël.
Auf die Überlegungen folgten technische Versuche und langwierige Verhandlungen. Funkgeräte wurden entwickelt und getestet und schließlich erprobt. In der Erprobungsphase ab 1947 waren die Streifenwagen allerdings in einem so erbärmlichen Zustand, dass die Funktechniker permanent damit beschäftigt waren, die Funkgeräte in funktionierende Autos ein- und auszubauen.
Da die Beamten dennoch beachtliche Einsatzerfolge erzielten, beschloss der Stadtrat 1948, Gelder für eine Zentrale und mehrere Funkfahrzeuge bereitzustellen. Die ersten Autos waren alle mit verstärkter Federung ausgestattet, da die Besatzungen immer mit vier Beamten ausrückten und die Funkanlage zusätzlich knapp einen Zentner Gewicht auf die Waage brachte.
Vor 70 Jahren, am 1. Juni 1949, fiel dann der Startschuss für Funkzentrale und Funkstreife. Ab diesem Tag gab es offiziell die ersten fünf Funkstreifenwagen, die damals noch kurze Zeit Radiostreifenwagen genannt wurden und mit dem damals neuesten Funksprechgerät ausgerüstet waren. Den ersten legendären Funkspruch lieferten sich damals Polizeipräsident Franz Xaver Pitzer und Oberbürgermeister Thomas Wimmer mit folgendem Wortlaut: „Herr Oberbürgermeister, hier spricht der Polizeipräsident aus einem fahrenden Funkwagen. Wie können Sie mich hören?“ Darauf Wimmer: „Wenndst ned so schrein dadst, kannt i di besser versteh!“
Unter 22 22 4 war die Münchner Funkzentrale Tag und Nacht erreichbar. Erst seit 1973 gibt es die bundesweit einheitliche Notrufnummer 110. Auch hier war München seiner Zeit voran, im Polizeipräsidium wurde die „110“ bereits im August 1955 eingeführt.
„Die bei der Münchner Polizei verwendeten Funkgeräte der Firma Lorenz, die eigens die Typenbezeichnung ,München‘ erhielten, waren Vorreiter und bildeten letztendlich die Grundlage für die Einführung der Frequenzmodulation in Westdeutschland“, sagt Peter Gloël. Der Polizeioberrat hat jetzt zusammen mit Polizeihauptkommissar Harald Kraft ein Buch mit dem Titel „Die Münchner Funkstreife 1949 – 1975“ geschrieben. Den ersten Band wird es bei der Jubiläumsfeier am 22. Juni im Verkehrszentrum zu kaufen geben.
26 Jahre lang waren die Funkzentrale und die Funkstreife eine Institution, die, so heißt es in der Chronik der Münchner Polizei, weder bei der Polizei noch in der Bevölkerung wegzudenken war. Die Münchner Polizei habe nach einem Anruf an jedem beliebigen Punkt der Stadt innerhalb von zwei bis drei Minuten auftauchen können, schreibt Alt-OB Hans-Jochen Vogel in seinem Grußwort zum neuen Buch. „Das hat die Bekämpfung der Kriminalität in München ganz wesentlich erleichtert.“
Spätestens mit der 1960 entstandenen Fernsehserie „Funkstreife Isar 12“, die von 1961 bis 1963 in 35 Folgen beim Bayerischen Rundfunk zu sehen war, hatten die Beamten und auch die vier Chefsprecher der Einsatzzentrale bei den Münchnern Kultstatus.
Die Rufnamen der Funkstreifenwagen lauteten ab 1953 „Isar“ und waren fortlaufend nummeriert. Jeder Funkwagen hatte ein zugeteiltes Einsatzgebiet. Die Funkstreife war anfangs in drei, später in vier Schichten rund um die Uhr im Einsatz. 1953 wurden für das gesamte Stadtgebiet noch elf Wagen eingesetzt, ihre Anzahl wuchs drei Jahre später auf 15 Funkstreifenwagen an, die mit Isar 1 bis 15 bezeichnet waren.
Im Januar 1971 wurde eine neue Einsatzzentrale in Betrieb genommen. Funkgespräche wurden nun aufgezeichnet. Am Ende dieses Jahres musste aufgrund der steigenden Einsatzzahlen sogar ein zweiter Funkverkehrskreis eröffnet werden. In der Folge wurden die Funkwagen über zwei verschiedene Kanäle, Nord/West und Süd/Ost, gesteuert.
Seit September 1975 ist die Funkstreife ein Stück Münchner Polizeigeschichte. Mit der Verstaatlichung der Münchner Stadtpolizei, die übrigens als letzter kommunaler Polizeiverband in der BRD verstaatlicht wurde, war auch die Auflösung der Funkstreife verbunden.
Jubiläumsfeier
Der Verein „Münchner Blaulicht“ veranstaltet anlässlich des Jubiläums „70 Jahre Funkstreife“ zusammen mit dem Präsidium am 22. Juni von 10 bis 16 Uhr im Verkehrszentrum des Deutschen Museums, Am Bavariapark 5, eine Feier. Der Eintritt ist bei der Buchung über muenchnerblaulicht.de oder unter 089/29 10 20 10 frei. Wer sich nicht anmeldet, kann die Veranstaltung zum Museums-Eintrittspreis (7 Euro) besuchen.