Dießen/Seebruck – Es ist erst eine Woche her, dass drei Mitglieder des Vereins „Mückenplage? Nein danke!“ zum Schöpfen losgezogen sind. Zusammen mit einem Experten der kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) nahmen sie Wasserproben in mehreren Orten am Ammersee. Anschließend zählten sie die darin enthaltenen Mückenlarven, um einen Anhaltspunkt zu erhalten, was auf das Fünfseenland zukommt. In Dießen (Kreis Landsberg) fanden sie 50 in dem 225-Milliliter-Gefäß.
Bereits ab fünf Larven pro Liter spricht man von einer hohen zu erwartenden Belastung. In Dießen waren es auf den Liter gerechnet über 200. „Bei einer Fläche von einem Hektar macht das über 200 Millionen Mücken, von denen der weibliche Anteil potenziell sticht“, sagt Biologe Norbert Becker. Und die werden sich bald bemerkbar machen, meint der Mückenexperte: „Spätestens Ende dieser Woche werden Sie es spüren.“
Becker ist Dozent für Ökologie an der Uni Heidelberg und wissenschaftlicher Direktor der KABS. „Nach dem Starkregen vorletzte Woche sind die Larven geschlüpft“, erklärt er. Sie durchlaufen vier Stadien, dann verpuppen sie sich und werden schließlich zum erwachsenen Insekt. „Bevor die Mücken zur Plage werden, müssen sie begattet werden. Dadurch wird der Blutdurst der Weibchen angefacht.“
Am Chiemsee fürchtet ein Rathauschef die Folgen dieses Blutdurstes. Der Gemeinderat von Seeon-Seebruck im Kreis Traunstein hatte im April beschlossen, sich künftig nicht mehr an der Stechmückenbekämpfung am See zu beteiligen. Auslöser, so vermutet Bürgermeister Bernd Ruth, war das erfolgreiche Artenschutzvolksbegehren. Er fürchte aber, dass sich die Entscheidung rächen könnte: „Bei einer Mückenplage verwandelt sich Seeon-Seebruck ohne Bekämpfung in ein Amazonas-Delta“, sagte er dem Online-Portal chiemgau24. Besucher könnten den Ort meiden, der Tourismus leiden.
Seit 1997 wird am Chiemsee das kristalline Eiweiß des Bakteriums Bti (Bacillus thuringiensis israelensis) zur Bekämpfung von Stechmücken ausgebracht. Es tötet Mückenlarven, die es fressen, und gilt als ungefährlich für andere Lebewesen. Umweltinitiativen wie der Bund Naturschutz kritisieren jedoch, dass es auch Mücken töte, die für den Menschen keine Störung darstellen, aber anderen Tierarten als Nahrung dienen. Sie fordern neue Untersuchungen.
Forschen will auch der Verein „Mückenplage? Nein danke!“ am Ammersee. Denn von einer Mückenbekämpfung wie am Chiemsee ist man im Fünfseenland weit entfernt. Der Verein will zunächst eine Kartierung des Stechmückenvorkommens in der Region. Dafür sucht der Verein Unterstützer und sammelt Spenden, rund 30 000 Euro soll das Projekt kosten. Die Gemeinden am Ammersee hatten sich nicht einigen können, ob sie den Auftrag erteilen sollen. Solange es keine Kartierung gibt, gebe es jedoch keine Basis für mögliche Maßnahmen, argumentiert der Verein.
Vor zwei Jahren wurden die Insekten am Ammersee zur echten Plage, eine Wirtin aus Eching musste wegen der Mückenschwärme zeitweise ihr Lokal schließen. Im extrem heißen Sommer 2018 blieben die stechwütigen Massen aus. Ob der Sommer 2019 ein Mückensommer wird, hängt vom Wetter ab. „Gibt es Starkregen und Hochwasser, haben die Insekten perfekte Bedingungen, um sich fortzupflanzen“, sagt Norbert Becker. Beim letzten Hochwasser seien die Pegel schnell gefallen. „Vielleicht haben wir in Südbayern ja auch Glück und es bleibt bei einer Mückenwelle.“