Handlungsreisender des Todes

von Redaktion

Scharfrichter Reichhart tötete 3150 Personen – auch die Scholls

Es war der 22. Februar 1943. Um 17 Uhr waltete Johann Reichhart seines Amtes im Gefängnis München-Stadelheim. Der Scharfrichter köpfte Sophie Scholl, dann ihren Bruder Hans und Christoph Probst – die Mitglieder der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose. Er habe noch nie jemanden so stolz sterben sehen wie die junge Frau, sagte Reichhart danach. Skrupel hatte er keine. Er führte nur aus, was der Staat entschieden hatte. Für ihn war es ein normaler Arbeitstag. In den kommenden drei Tagen sollte er weitere fünf Delinquenten in Nürnberg, 20 in Stuttgart und 18 in Wien hinrichten. Ein Handlungsreisender des Todes.

Reichhart (1893–1972) mag eine Nebenfigur in der deutschen Geschichte sein, aber eine wesentliche. Der Autor Roland Ernst hat sich in seinem Buch „Der Vollstrecker“ (Allitera Verlag, 19,90 Euro) auf die Spuren des letzten bayerischen Henkers begeben. Dabei führt er auch teilweise Namen und Biografien jener auf, die unter Reichharts Hand starben.

Das Wirken des bayerischen Henkers war in der Weimarer Zeit gefragt, aber vor allem im Dritten Reich, wo es allein 25 Delikte gab, für die die Todesstrafe verhängt werden konnte. Als die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse begannen, sicherten sich auch die US-Amerikaner die Dienste dieses Mannes. Er richtete nun NS-Kriegsverbrecher, unter anderem den Kommandanten des KZ Majdanek, Martin Weiß.

Der Oberpfälzer Reichhart wurde in eine Henkerfamilie hineingeboren. Seine erlernten Erstberufe waren Koch und Metzger, in letzterer Profession brachte er es sogar zum Meister. 1924 kam er aber den Bitten seines Onkels Franz Xaver Reichhart nach, in dessen Fußstapfen als Scharfrichter zu treten. Der war ein wohlhabender Mann und hatte eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil er die Räuberlegende Mathias Kneißl vom Leben zum Tod befördert hatte.

Zum Auftreten eines Henkers gehörte die elegante Erscheinung. Üblich waren ein schwarzer Anzug und Zylinder, auch wenn der „Nachrichter“, wie er offiziell genannt wurde, mit seinen Assistenten bei der Arbeit oft knöcheltief im Blut stand. Wenn das Fallbeil den Kopf vom Rumpf trennte, setzte dies bis zu zwei Liter Blut frei, das sich über ausgestreute Sägespäne ergoss.

Reichhart galt als unermüdlicher Tüftler, der die Guillotine zu perfektionieren versuchte, um für die Verurteilten die Hinrichtung so human wie möglich zu machen. Geübt hatte er einst an Kohlköpfen, nur ein einziges Mal an einer Leiche. 150 Reichsmark verdiente er anfangs pro Kopf, später wurden die Preise angehoben. Reich werden konnte er damit nicht. Eine Ehefrau und vier Kinder mussten aber versorgt werden. Vor den Toren Münchens übernahm er zeitweise eine Bahnhofsgaststätte. Der Alkohol war ihm da längst zu einem guten Freund geworden, um seine Traumata des Ersten Weltkriegs und die Herausforderungen der täglichen Arbeit zu bewältigen.

Im Suff plauderte er schon mal aus, was er beruflich machte, auch in die Presse geriet sein Name. Selbst Kinder wussten über ihn Bescheid und schrien seinen Sprösslingen nach: „Dein Vater is’ ein Kopfabschneider!“ Der tiefgläubige Katholik sah sich selbst als Vollstrecker, der sich vor einer höheren Macht einmal verantworten müsse.

Das Glück von Reichharts eigener Familie zerbrach. Er fand eine neue Partnerin und wurde noch mal Vater. Nach 1945 kämpfte das einstige Mitglied des kommunistischen Spartakusbundes darum, nur als brauner Mitläufer gesehen zu werden, der seine Arbeit gemacht hatte. Als er mit 78 vereinsamt im Krankenhaus Dorfen starb, lagen über 3150 Hinrichtungen hinter ihm und das späte Bekenntnis: „Ich tät’s nie wieder.“ BARBARA JUST

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