Verfolgungsjagden, Schüsse, Geburten – so war der Alltag der Funkstreifler

von Redaktion

„Ich bin einfach ein Mann der Straße“: Der Polizist Joe Beck war ab 1966 in der Münchner Innenstadt unterwegs und wurde einmal sogar angeschossen

Joe Beck ist am Montag 75 Jahre alt geworden. Er war vom 1. März 1966 bis zur Auflösung am 31. August 1975 mit der Isar 1 und später mit Isar 85 bei der Funkstreife in der Innenstadt unterwegs. Er kann auch heute noch jeden wichtigen Einsatz mit Datum, Uhrzeit und handelnden Personen aus dem Gedächtnis erzählen. Was er erzählt, klingt nach Abenteuern aus dem Wilden Westen. „Ich kam so früh zur Funkstreife, weil ich gut Fußball gespielt habe und die hatten eine sehr gute Fußballmannschaft“, sagt Joe Beck.

In seiner Zeit bei der Funkstreife legte er mehrere filmreife Verfolgungsjagden hin. Bei einer im April 1971 wurde er selbst angeschossen. „Ich hab gedacht, ich muss sterben, ich hab gedacht, da schiebt mir jemand einen glühenden Eisenstab in den Körper“, erzählt Joe Beck. Acht Tage verbrachte er im Krankenhaus, nach dreieinhalb Wochen ging er wieder arbeiten. „Ich brauchte ja unbedingt die Urkunde ,Beamter auf Lebenszeit‘“.

Vier Monate nach seiner Schussverletzung zielte wieder ein Einbrecher auf ihn. „Damals hatten viele Waffen – und das SEK, das man heute in solchen Situationen holen würde, gab es damals noch nicht.“ Nicht nur die Kriminellen, sondern auch die Polizisten griffen im Vergleich zu heute viel schneller und öfter zur Dienstwaffe.

Joe Beck wurde vor allem zu einem Experten dafür, gestohlene Autos wiederzufinden. Er sammelte alle Fahndungslisten mit Autokennzeichen und prägte sich diese ein. In fünf Jahren spürte der junge Polizist zusammen mit seinem Kollegen unglaubliche 1000 gestohlene Fahrzeuge auf und nahm 250 Autodiebe fest. „Ein wohl einsamer Rekord in der Münchner Polizei“, heißt es dazu in der Polizeichronik.

Aber auch viele schöne Erlebnisse weiß der ehemalige Funkstreifler zu erzählen. „Wir waren die ersten männlichen Hebammen nach dem Krieg“, berichtet Beck. „Wir haben sogar Unterweisungen in Geburtshilfe bekommen.“ Denn nicht selten kamen Kinder auf der Rückbank eines Funkstreifenwagens zur Welt.

Joe Beck, damals selbst junger Vater, wurde zwar nie zum Geburtshelfer, rettete im Sommer 1969 aber einen Säugling nahe dem Hauptbahnhof aus einem roten VW. „Die Mutter hatte ihn kurz dort zurückgelassen und bei der Hitze war es im Nu sauheiß im Auto“, erinnert sich Beck. Die Funkstreife wurde alarmiert. Beck und sein Kollege öffneten mit selbst gebastelten Sperrhaken das Auto, hinterließen der Mutter einen Zettel und nahmen den kleinen Bub mit zum zuständigen Revier 24. „Dort wickelten wir das Kind mit einem sauberen Behördenhandtuch und kurz darauf holte es die völlig aufgelöste Mutter bei uns ab.“

Auch zum unfreiwilligen Schlangenfänger im Funkwagen wurde Beck im Mai 1970. Ein Betrunkener hatte an einem Stehausschank eine Schlange in einem Kübel stehen gelassen, die Polizei wurde geholt. „Wir wollten die Schlange ins Terrarium nach Hellabrunn bringen und auf dem Weg war der Kollege neugierig und öffnete den Deckel ein wenig.“ Und schon war die Schlange im Auto. „Ich bremste sofort und fing die Schlange ein.“

Nachdem die Funkstreife aufgelöst worden war, arbeitete Beck bis zu seinem Ruhestand am 1. Juni 2004 bei der Kripo. „Das war schon traurig. Ich bin einfach ein Mann der Straße.“ STEFANIE WEGELE

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