München – Genau dreizehn Jahre, bevor sich wieder Bärentatzen der bayerischen Landesgrenze nähern, hatte ein Zweijähriger dem Freistaat einen unvergesslichen Sommer beschert. Amtlich trug er den Namen JJ1, berühmt wurde er als Bruno – ein Bär, der sich völlig danebenbenahm, seine Verfolger an der Nase herumführte und schließlich zum tragischen Helden wurde.
Dabei könnte man sagen, dass Bruno direkt auf Einladung des damaligen Umweltministers in den Freistaat spazierte. „Der Braunbär ist in Bayern willkommen“, hatte Werner Schnappauf (CSU) gesagt – ein Satz, den er in den folgenden Wochen wohl einige Male liebend gern zurückgenommen hätte. Denn der rund hundert Kilo schwere, je nach Gemütslage bis zu 1,60 Meter große Gast wusste sich nicht zu benehmen. Oder wie es Ministerpräsident Edmund Stoiber damals ausdrückte: „Er, äh, verhält sich nicht normal. Es handelt sich um einen Problembären.“ Problembär Bruno mischte den Freistaat einen Monat lang ordentlich auf. Er wurde vom Verfolgten zum Superstar, vom unbezwingbaren Einzelkämpfer zum Symbol für Freiheit.
Der Braunbär marschiert im Mai 2006 im Ammergebirge über die Grenze. Zunächst unbeobachtet. Doch der Zweijährige aus dem italienischen Trentino tut sein Bestes, um innerhalb kürzester Zeit die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei Grainau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) reißt er innerhalb von zwei Tagen neun Schafe und einige Hühner. Die Euphorie, dass sich seit 171 Jahren wieder ein Braunbär nach Bayern begeben hat, ist danach schnell verflogen. Bruno ist nicht mehr willkommen – sondern gefürchtet. Eine Expertenrunde tagt im Umweltministerium. Pläne, ihn mit einem Sender zu versehen und mit Feuerwerk zu verjagen, sollte er sich Siedlungen nähern, werden schnell verworfen. Um ihn mit weiblichen Reizen einer Bärendame in eine Falle zu locken, ist er noch zu jung. Der Mann, der noch wenige Tage zuvor die herzliche Einladung ausgesprochen hatte, gibt den Besucher zum Abschuss frei. Die Tierschützer protestieren heftig.
Immer wieder wird Bruno gesichtet. Mal auf österreichischer Seite, dann wieder auf bayerischer. Er reißt Schafe, plündert Kaninchenställe, bricht Bienenstöcke auf. Bruno wird selbstbewusster – und dreister. Am 17. Juni marschiert er durch Kochel am See (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) und setzt sich ausgerechnet vor eine Polizeiwache. Doch jedes Mal schafft er es, seine Verfolger wieder abzuhängen.
Bayern engagiert finnische Bärenjäger – doch auch sie erwischen ihn nicht. Inzwischen berichtet sogar die „New York Times“ über Bruno Superstar. Es werden T-Shirts verkauft mit Aufdrucken wie „JJ1 Bruno World Tour“.
Am 26. Juni endet seine Superstar-Karriere mit einem einzigen Schuss im Rotwandgebiet. Wer der Schütze war, der ihn erlegte, ist bis heute unbekannt. Nach Brunos Tod wird es noch richtig emotional in Bayern. Umweltminister Werner Schnappauf bekommt sogar Morddrohungen. Bruno wird präpariert. Seit 2008 ist er im Museum „Mensch und Natur“ in Nymphenburg zu sehen. KATRIN WOITSCH