Bad Tölz – Der Bergsteiger von heute hat mit dem Bergsteiger von vor 30 Jahren nicht mehr viel gemeinsam. „Wenn früher das Wetter schlecht war, ist man eben auf der Hütte geblieben und hat Karten gespielt“, sagt Michael Lentrodt. Seit drei Jahrzehnten führt der Präsident des Deutschen Berg- und Skiführerverbands Bergsportler in die Höhe. Doch von der Genügsamkeit aus den Anfangsjahren kann er nicht mehr viel erkennen. Heute hätten die Wanderer am liebsten eine Gipfelgarantie. „Die Leute haben weniger Zeit, buchen am liebsten einen Tag vor der Tour und dann muss natürlich unbedingt ein perfektes Foto für die sozialen Medien herausspringen“, sagt Lentrodt. Der Weg zum Gipfel? Ein schnelles Abenteuer für zwischendurch.
Dieser Wandel macht auch der Bergwacht zu schaffen, wie die jüngste Jahresbilanz zeigt, die am Freitag in Bad Tölz vorgestellt wurde. Denn während im Winter die Einsatzzahlen nahezu konstant sind, laufen im Sommer die Notruftelefone heiß. Im vergangenen Jahr mussten die ehrenamtlichen Retter der Bergwacht Bayern mit 3071 Sommer-Einsätzen doppelt so oft ausrücken wie noch vor zwölf Jahren. Besonders markant sind die gestiegenen Einsatzzahlen nach Unfällen beim Bergradeln, egal ob mit oder ohne E-Antrieb. Hier mussten die Bergretter sogar dreimal so oft ausrücken wie im Jahr 2006. Auch beim Bergsteigen und etwa beim Gleitschirmfliegen häufen sich die Einsätze.
Bergwacht-Chef Otto Möslang sieht mehrere Ursachen für diese Entwicklung: „Vor allem nimmt die Selbstüberschätzung zu“, sagt er. Mit dem Pedelec können auch weniger bergaffine Ausflügler plötzlich Höhen erklimmen, in denen sie sich vorher nie bewegt haben. Und der Wander-Boom schwemmt Menschen ins Gebirge, die kaum Erfahrung für das mitunter gefährliche Terrain mitbringen. „Außerdem greifen die Menschen heute viel schneller zum Handy“, sagt Möslang. Vor allem, wenn sie wissen, dass sie gut versichert sind. Das macht sich in steigenden Zahlen bei Such- und Sondereinsätzen bemerkbar, bei denen sich dann herausstellt, dass am Ende niemand verletzt ist. „Dass die Masse der Einsätze mittlerweile nicht mehr nur am Wochenende ansteht, macht unseren Ehrenamtlichen zu schaffen“, sagt Möslang. „Wenn das so weitergeht, müssen wir uns mittelfristig anders aufstellen.“
Besonders häufig müssen die Bergwachtler zu prestigeträchtigen Zielen ausrücken. Möslang nennt etwa das Wettersteingebirge, die Berchtesgadener Alpen oder die Allgäuer Hochalpen – alles Orte, die auf Facebook und Instagram mit diversen Bilderbuchaufnahmen prominent vertreten sind. Da reift zu Hause auf dem Sofa schnell die Erkenntnis: „Da muss ich auch mal hin!“
Aber der anhaltende Wander-Boom ist nicht der einzige Grund, warum die Bergwacht häufiger alarmiert wird. Zusätzliche Arbeit machen den Bergrettern die immer häufigeren Extremwetterereignisse. Sei es der Brand des Bergwalds bei Kiefersfelden oder die Flutwelle durch die Partnachklamm im vergangenen Sommer. Und zuletzt natürlich die immensen Schneemassen, die im Januar in drei Alpenlandkreisen den Katastrophenfall ausgelöst haben. Mitglieder der Bergwacht halfen beim Dachfreischaufeln, sicherten die Notfallversorgung für von der Außenwelt abgeschnittene Orte wie die Jachenau und evakuierten etwa den von Lawinen bedrohten Schlechinger Ortsteil Raiten. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir solche Einsätze in Zukunft wohl häufiger haben werden“, sagt Thomas Lobensteiner, der den Schneeeinsatz im Chiemgau leitete.