Für die einen sind sie ein Gebrauchsgegenstand, für andere wiederum etwas Böses. Für Richard Spitzl aus Kirchseeon im Landkreis Ebersberg hingegen sind sie sogar Lebensinhalt. Messer in jeder Form – vor allem exklusive. „Ich habe aus einem Hobby einen Beruf gemacht“, sagt er. Der 52-Jährige ist Messermacher.
„Das ist mein Reliquienschrein“, sagt Spitzl und deutet auf einen kleinen Holzkasten an der Wand seiner winzigen Werkstatt. In dem Kästchen ist hinter Glas ein Stück graues Metall zu erkennen, das von der Form her entfernt an ein schlankes Schneidwerkzeug erinnert. „Das ist eine Schablone von Bob Loveless“, sagt der Mann aus Kirchseeon. Der Amerikaner galt zu Lebzeiten als einer der innovativsten „Knivemaker“ der Welt. Neben dem Rohling ist ein kleines Bild des Meisters und Messerpapstes auf den Samt geklebt. Loveless ist seit fast zehn Jahren tot, sein Ruf bleibt in der Gilde lebendig. „Er ist für uns das, was Paul Bocuse für die Köche ist.“
Spitzls Messer sind samt und sonders Unikate und der Mann selbst ist ein Unikum. Kräftige Hände, massiger Körper, Zopf, graumelierter Vollbart und hellblaue Augen, mit denen er sein Gegenüber aufmerksam mustert. So könnte man sich landläufig einen Schmied vorstellen. Der Mann hat fast keinen Platz in seiner kleinen Werkstatt, in der das kreative Chaos herrscht. „Bei mir geht’s zu wie am Bahnhof, ich muss dauernd rangieren“, sagt Spitzl und schiebt einen abgeschabten Bürostuhl zur Seite, damit er an einer seiner Maschinen arbeiten kann.
Überall hängen Werkzeuge an der Wand. Dazwischen eine alte Ständerbohrmaschine, Werkbänke, Schleif- und Polierbänder, dazu eine Fräse des renommierten Herstellers Friedrich Deckel, Baujahr 1964. Auf dem betagten Teil fräst er seine Messer zum Beispiel aus einem massiven Block „Pyramidendamast“ heraus, das ist ein speziell und vielfach gefalteter Stahl. Wenn der poliert wird, kommt auf der Oberfläche ein Muster zum Vorschein. Spitzl stellt hauptsächlich „Vollintegralmesser“ her. Die sind aus einem Stück – von der Klinge bis zum Griff, der später unter Schalen aus exklusiven Materialien verschwindet.
„Die Maschinen sind größtenteils vom Flohmarkt“, sagt Spitzl und schaut stolz in die Runde. „Als ich mit einem Freund die Fräse in die Werkstatt transportiert habe, ist ein Stück der Hausverkleidung abgebrochen.“ Das Teil wiegt ungefähr 700 Kilogramm und ist auch für zwei kräftige Männer ein schwerer Brocken.
Zu den Kunden des Kirchseeoners zählen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, Betuchte und weniger Betuchte, Normalverdiener und welche, die sich ein handgefertigtes Messer eigentlich nicht leicht leisten können – sich aber trotzdem jedes Jahr eines kaufen. „Manche Sammler bringen ihre Ehefrau mit, die dann oft meint: ,Du brauchst doch nicht schon wieder ein Messer!‘“ Zu diesen Kunden sagt Spitzl: „Haben Sie Ihre Frau schon mal gefragt, wie viel Paar Schuhe sie hat?“ Er zwinkert dabei mit den Augen.
Der Vergleich hinkt zumindest finanziell ein bisschen. Die Preise für die Einzelstücke des 52-Jährigen gibt es nur auf Anfrage, nur so viel: Es kann schon mal vierstellig werden. Qualität auf diesem Niveau kostet Geld, dafür ist alles Handarbeit bis hin zur Lederscheide. „Ich nähe nicht mit der Maschine.“
Am Anfang steht das Gespräch mit dem Kunden. „Der sagt mir, was er für welchen Zweck will, und ich sag’ ihm dann, was er eigentlich wollte.“ Dann gibt es eine Zeichnung. Wenn der Kunde mit dem Projekt einverstanden ist, geht es an die Produktion vom Fräsen über Schleifen bis zum Polieren und Finish. „Das sind viele Dutzende von Arbeitsschritten“, zählt Spitzl auf. Vom Rohling bis zum fertigen Messer vergehen „einige Wochen bis Monate“, man muss also Geduld mitbringen. Dafür werden nur exklusive Materialien verwendet.
Für die Griffschalen kommt zum Beispiel Mammut-Elfenbein zum Einsatz. Der Werkstoff stammt aus Sibirien. „Die finden dort angeblich jedes Jahr 50 bis 100 Tonnen davon. Den Mammuts tut kein Zahn mehr weh.“ Die Vermarktung ist legal. Spitzl verwendet nichts, was artenschutzrechtlichen Bestimmungen unterworfen ist. „Es gibt genügend schöne, andere Materialien, man muss nur danach suchen.“ Er macht auch Griffschalen aus fossilen Bisonknochen. Die landen beim Schleppfischen der Trawler in der Nord- und Ostsee immer mal wieder in den Netzen. „Dort war früher eine Steppe. Wenn ich den Knochen auseinanderschneide, stinkt er nach Fisch.“
Der Kirchseeoner macht seit etwa 20 Jahren Messer und lebt davon. Vorher war er Konstrukteur für Sondermaschinenbau. „Die Industrie hat mich dann irgendwann gelangweilt“, sagt der gebürtige Ruhpoldinger.
Die Werkstatt sagt viel über den Mann aus und darüber, dass er nicht nur für seine Arbeit lebt, sondern arbeitet, um zu leben. An der Wand hängt ein Thermometer, das ihm zeigt, wann es Zeit ist für den Biergarten – nämlich bei 27 Grad Celsius im Schatten. Daneben hat Spitzl ein iPhone mit einem Stahlstift durch das splitternde Display an die Wand genagelt. Das Handy funktionierte nach einem Update nicht mehr richtig. „Von der Aktion gibt es sogar ein Video auf Youtube“, sagt der Messermacher und grinst.
Das vom Bundesrat geplante Verbot zum Tragen von Messern mit einer Klingenlänge von über sechs Zentimetern findet er Unsinn. „Messerkriminalität wird nicht dadurch entschärft, dass man alle kriminalisiert, die ein Messer tragen“, sagt Spitzl. „Das dürfte man danach nicht mal mehr im Rucksack dabeihaben“, meint er und hebt ein ganz normales Gebrauchsmesser aus seinem Fundus von der Werkbank hoch. So eines, das man gerne für eine zünftige Brotzeit unterwegs mitnehmen würde.
Es gibt „einige Hundert und wenige, die es professionell machen“, schätzt Spitzl die Zahl der Messermacher in Deutschland ein. Ein paar davon stellen ihre Kleinodien am 12. und 13. Oktober 2019 bei den Olchinger Messertagen aus. Da ist der Kirchseeoner natürlich auch dabei, der außerdem einen Schleif- und Reparaturservice anbietet. Den nehmen seine Kunden gerne an. Er schleift übrigens auch teure Scheren von Friseuren. „Da braucht man viel Gefühl.“