MASSGESCHNEIDERT

A Plattn ham und an Plattn fahrn

von Redaktion

Man kann eine Platte haben oder einen Platten fahren. Vorausgesetzt, man hätte die Wahl, würde der Maßschneider einen Platten einer Platte vorziehen. Wenn wir einmal die Schall-, Tisch- und Seenplatten außer Acht lassen, so ist eine Platte – wer das Wort in dieser spiegelnden Bedeutung nicht kennen sollte – nichts anderes als die hochdeutsche Glatze. Von Platte wiederum leitet sich der Platterte ab, also der Glatzen-Träger oder Glatzkopf. Nur als Stirnglatze hat sie sich in Bayern durchgesetzt bzw. durchgewetzt.

Wem sich die Haare am Hinterkopf lichten, verbittet sich indes energisch, Platterter genannt zu werden, umschreibt sein Leiden vornehm als Tonsur. Der Maßschneider setzt sich von Zeit zu Zeit mit dem Rücken zu einem Wandspiegel, hält gleichzeitig einen Handspiegel in die Höhe und prüft, ob sich seine Tonsur vergrößert oder vielleicht sogar wieder verkleinert habe. Um es zuzugeben: Sie bleibt sich stets gleich, immerhin etwas!

Jedenfalls: Als Platterter brauchte er noch keinen Platten zu fahren, aber natürlich hat er schon öfter Platterte neben oder hinter sich im Auto gehabt. Die meisten waren durchaus angenehme Menschen, teilweise sehr gesellig, ja charmant. Glatzköpfen geht bekanntlich der Ruf voraus, erotisch sehr fleißige Naturen zu sein. Wenn bei solcher Veranlagung Männer wirklich Haare lassen müssen, wäre zu fragen: Wo bleibt da die Gerechtigkeit, warum nur sie, während sich weibliche Pendants auch noch im fortgeschrittenen Alter wallender Mähnen und Strähnen erfreuen dürfen?

Doch reden wir nicht mehr länger um den platten Brei herum: Also, gestern hat der Maßschneider nach langen Jahren wieder einmal einen Platten gefahren. Ein spitzer Stahldorn, der heimtückisch aus einer Baustelle am Straßenrand herausragte, schlitzte ihm den rechten Vorderreifen auf. Das Auto nuckelte noch ein paar Meter dahin, dann war Sense. Zunächst handelte er wie ein echter Profi: Schadensbesichtigung, Blinklicht eingeschaltet, Warndreieck aufgestellt. Dann freilich ging es in blutiger Laienmanier weiter. Er holte die Betriebsanleitung aus dem Handschuhfach und begann seine Mechanikerlehre. Konnte aber zunächst kein Wort verstehen. Das war wohl Japanisch, was ihm da vor den Augen flimmerte. Er blätterte weiter. Nun wurde Englisch daraus, dann Französisch. Bis er das ganze Heft umdrehte und endlich auf gut lesbare deutsche Brocken stieß. Er fand nun relativ schnell, wo der Wagenheber zu finden, wie zu entfernen und in Aktion zu setzen sei. Auch das Reserverad war kaum zu übersehen. Und jetzt her mit der Werkzeug- tasche!

Die Werkzeugtasche war nicht da! Siedend heiß fiel es ihm ein: Die hatte er seinem Nachbarn geliehen, der einen gewissen Spezialschlüssel brauchte, und dieser Schurke hatte sie noch nicht zurückgegeben. Was blieb ihm da schon anderes übrig, als mit seinem Wagenheber in der Hand am Straßenrand um Hilfe zu flehen. Und wirklich: Bereits nach einer Stunde und zehn Minuten hielt einer an, stieg aus seinem Wagen – es war ein Platterter! – und fragte: „HamS’ gwieß an Plattn?“ Der Maßschneider klagte ihm sein Leid, der andere holte sein Werkzeug, brachte den Wagenheber in Stellung, schraubte die Radmuttern ab, wechselte das Rad. Er selber brauchte bloß noch das Warndreieck einzuholen und den lädierten Reifen samt Felge in den Kofferraum zu heben.

„Darf ich Ihnen für Ihre großzügige Hilfe einen Zwanziger überreichen?“, fragte der Maßschneider. „Des is doch net der Rede wert“, sagte der Platterte. „So a Reifen is doch glei gwechselt.“ Der Maßschneider war platt. Er hat noch nie einen Platterten so geschätzt wie diesen, während ihm die Platten (Ausnahme: die kalten) weiterhin gestohlen bleiben können.

Übrigens fahren Radler häufiger einen Platten als Autofahrer, können aber das Malheur meist selber bewältigen.

An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber

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