Der schaurige Baedeker

von Redaktion

BOMBENKRIEG IN BAYERN Städte-Handbuch wies der britischen Luftflotte 1944 den Weg

VON DIRK WALTER

München – Es ist das Handbuch für den Bombenkrieg und Feuersturm, für die totale Zerstörung und den Tod: Im Jahr 1944 gaben die britischen Ministerien für Äußeres und für wirtschaftliche Kriegsführung „The Bomber’s Baedeker“ heraus. Das Buch listete alphabetisch alle Städte auf, die aus Sicht des britischen Militärs ökonomische Bedeutung für Deutschland hatten, insgesamt 518 Orte. Es war so dick – 757 Seiten, dazu noch ein Anhang –, dass es in zwei Teilen (Aachen-Küstrin; Lahr-Zwickau) erschien. Eine etwas dünnere Erstausgabe war schon 1943 gedruckt worden.

Nun hat das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz „Bomber’s Baedeker“ ins Internet gestellt – zwei, drei Mausklicks, schon ist man im Abschnitt über Freising, München oder Rosenheim, überall dort, wo die britische Luftwaffe mehr oder weniger kriegswichtige Ziele vermutete.

Schwerpunkt des schaurigen „Baedeker“ waren schwerindustrielle Gebiete etwa an der Ruhr oder in Schlesien. Doch auch Bayern kam oft vor: Die Großstädte natürlich, aber auch Freising, Wolfratshausen, Altötting oder Landshut.

München, 825 000 Einwohner, wurde im „Bomber’s Baedeker“ als größte Stadt in Bayern vorgestellt und als Geburtsstadt („birthplace“) der Nazi-Bewegung. Zehn Seiten waren der Landeshauptstadt gewidmet – zum Vergleich: Für Hamburg waren gleich 27 Seiten reserviert. Die Machart des „Baedeker“ war schlicht: Für jede Stadt listete das Buch die wichtigsten Industriestandorte auf – im Kapitel für München waren das zum Beispiel das Bayerische Leichtmetall Werk E. Heymann in Neu-Freimann, BMW in Allach, Dornier in Oberpfaffenhofen und das Flugmotoren-Reparaturwerk Hans Häusler in Baierbrunn. Die meisten Münchner Industriebetriebe wurden von den Briten in der Kategorie 3 eingeordnet – das bedeutete, sie hatten eine relative geringe Bedeutung („relatively small importance“) für die deutsche Kriegswirtschaft.

Nicht viel anders wurden die Industriewerke in anderen bayerischen Städten bewertet. Auf der Seite über Rosenheim wurden neben einer generellen Erwähnung als Eisenbahn-Knotenpunkt die Bayerische A.G. in Heufeld sowie die Klepperwerke aufgeführt – letztere in der mittleren Kategorie 2. Die Klepperwerke, heute als Faltbootwerft bekannt, stellten dem „Baedeker“ zufolge Ölzeug und wasserdichte Kleidung für die deutsche Wehrmacht her und beschäftigten 1943 rund 4000 Arbeiter. Das machte sie zu einem Angriffsziel. Tatsächlich erfolgte der größte Angriff auf Rosenheim im April 1945 aber an anderer Stelle: Rund um den Bahnhof gab es 53 Tote.

Doch war der „Baedeker“ tatsächlich die Blaupause für die Angriffe der britischen Luftwaffe? Schon allein das späte Erscheinen des Nachschlagewerks – verheerende Luftschläge etwa gegen Köln (Mai 1942) und Hamburg (Sommer 1943) waren da schon erfolgt – macht skeptisch. Das britische „Bomber Command“ verließ sich bei seiner Zielsuche sicher nicht allein auf den „Baedeker“. Das lag auch an einem Kompetenzstreit auf höchster Ebene: Die Geografin Uta Hohn hat schon 1994 in einem Aufsatz über den „Baedeker“ betont, dass das Ministerium für wirtschaftliche Kriegsführung mit dem berüchtigten Oberbefehlshaber der britischen Bomberverbände (RAF Bomber Command) Arthur Harris stritt. Von der Bombardierung allein kriegswirtschaftlich bedeutender Ziele hielt der berüchtigte Luft-Feldherr nichts. Harris war Erfinder des „moral bombing“, ihm ging es darum, die deutsche Zivilbevölkerung durch fortgesetzte Luftschläge zu zermürben und so den Regimewechsel zu beschleunigen. Diese Strategie ging zwar nicht auf – „kein Anzeichen deutete auf ein Debakel der deutschen Moral“, schrieb der Historiker Jörg Friedrich in seinem Bestseller „Der Brand“. Doch für viele deutsche Städte bedeutete das „moral bombing“ mit der absichtlichen Kombination aus Spreng- und Brandbomben und dem Erzeugen von Feuerstürmen die systematische Zerstörung.

Es fing auch in München schon früh an. Der erste Luftangriff datiert vom 4. Juni 1940, als BMW in Allach angegriffen wurde – also weit vor dem Erscheinen des „Baedeker“. Insgesamt gab es auf München 74 Angriffe mit über 6600 Toten. Auch der verheerende Luftschlag auf die Freisinger Bahnhofsgegend am 18. April 1945 mit 224 Toten lässt sich nicht mit dem „Baedeker“ erklären. Erstens tauchte Freising in dem Kriegsziel-Katalog nur ganz am Rande auf („there are no factories of importance“ – keine bedeutende Industrie also), zweitens wurde der Angriff von US-Bombern durchgeführt, die sich in ihrer Zielauswahl schwerlich von einem britischen Nachschlagewerk leiten ließen. Und drittens war Freising – so zynisch das klingt – eher ein Notziel. Eigentlich sollte Traunstein angegriffen werden, aber eine dichte Wolkendecke verhinderte dies. Nicht zu ergründen ist auch, warum einige kriegswichtige Anlagen im „Baedeker“ nicht erwähnt werden – der Militärflugplatz von Fürstenfeldbruck etwa.

Letztlich erklärt der „Baedeker“ nicht alleine den Luftkrieg, aber er war sicher ein wichtiger Baustein der britischen Luftkriegsstrategie.

Bleibt die Frage, warum die Briten ihr Handbuch ausgerechnet nach dem Pionier der Reiseführerliteratur Karl Baedeker (1801–1859) nannten. Wahrscheinlich hat sie ein deutscher Beamter dazu animiert, der 1942 äußerte, die Luftwaffe werde von nun an alles in Großbritannien bombardieren, was im „Baedeker“stehe. Das hat sich bekanntlich fatal gerächt.

The Bomber’s Baedeker

www.visualcollections.ub.

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