Garmisch-Partenkirchen – 13.17 Uhr war’s. Da bebte die Erde. Vielleicht drei Sekunden lang. Mehr nicht. Ein Schlag, ein Schütteln – vorbei. Vielleicht hätte man es gar nicht wahrgenommen, wenn nicht am Tag zuvor gerade erst die Meldung von einem leichten Erdbeben östlich von Garmisch-Partenkirchen die Runde gemacht hätte. Verunsicherung kam auf. In den sozialen Medien schilderten Menschen ihre Erlebnisse. Die zentrale Frage: War das wirklich ein Erdbeben?
„Ja“, sagt Joachim Wassermann, Seismologe am Geophysikalischen Observatorium der Ludwig-Maximilians-Universität in Fürstenfeldbruck. Dort werden derartige Vorgänge registriert und analysiert. Seine ersten Berechnungen haben für das Freitagsbeben eine Stärke von zirka 2,7 bis 3,0 ergeben. Der Experte kommt zu einem klaren Urteil: „Wenn es in Richtung 3 geht, ist das für Bayern kein Tagesgeschäft, schon eher ein außergewöhnliches Beben.“
Damit will er keine Panik schüren. „Das liegt alles im Rahmen dessen, was wir kennen.“ Das Estergebirge mit seinen Gipfeln wie Wank, Fricken oder Hohe Kiste im Nordosten der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und entlang des Loisachtals sei als seismisch aktives Gebiet bekannt. „Das haut uns jetzt nicht vom Stuhl, wir stellen ja dort unsere Instrumente auf, wo es Aktivität gibt.“ Die Bevölkerung müsse keine Angst haben vor Szenen, wie sie in Actionfilmen zu sehen sind. Ein neuer St.-Andreas-Graben werfe sich im Werdenfelser Land nicht auf.
Der Ursprung der Stöße ist indes bekannt. Die afrikanische Kontinentalplatte rückt näher an die europäische heran, schiebt dabei die adriatische Platte auf die europäische. „Dadurch entstehen Spannungen, die sich irgendwann lösen“, erklärt Wassermann. „Manchmal fließend, manchmal ruckartig, das spüren wir dann als Erdbeben.“
Die Epizentren zu lokalisieren, stellt ein schwieriges Unterfangen dar. „Wir sammeln die Daten sämtlicher Messstationen.“ Für das Beben Freitagmittag greift Wassermann auf Werte von 17 Stationen zurück. Daher gibt es auch immer wieder Nachbesserungen bei der Lage des Epizentrums. „Bis auf einen Kilometer genau können wir es ganz gut bestimmen.“ Hilfreich in diesem Fall ist, dass direkt im Ortsteil Partenkirchen am Fuße des Wanks ein Seismometer installiert ist. „Ein solches Beben wird aber auch bayernweit registriert, die Geräte sind so sensibel.“ Da Wassermann die Tiefe des Bebenherdes mit rund drei bis vier Kilometer angibt, sei der Stoß sehr gut zu spüren gewesen in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung. Den Radius legt er auf zirka zehn Kilometer fest, wobei gerade in Tälern mit Flussläufen die Bewegungen der Erde auch weiter außerhalb spürbar werden. „Der Boden ist dort weich, man kann das mit Wackelpudding vergleichen, der schwingt auch länger und stärker als Kartoffelpüree.“
Erdbeben im Estergebirge sind in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vorgekommen. Als Risikoregion stuft Wassermann den Alpenrand südlich von München aber nicht ein. Das Erdbeben-Zentrum Oberbayerns sei ganz klar Bad Reichenhall. „Die Region ist sehr aktiv, da gibt es in zehn Jahren an die 2000 Erdbeben.“ Auch das Tiroler Inntal südlich der deutschen Grenze sei deutlich gefährdeter als das Gebiet rund um das Wettersteinmassiv.
Ob es mit den beiden Beben in Garmisch-Partenkirchen nun getan ist, vermag der Seismologe nicht abzuschätzen. „Es könnten schon ein paar Nachbeben kommen“, stellt er klar. Er schließt auch einen sogenannten Schwarm nicht aus. Das wäre eine Serie ähnlich starker Stöße, die auch länger andauern könnte. „Wir werden es beobachten“, verspricht Wassermann. Und die Garmisch-Partenkirchner werden sicher die kommenden Tage etwas feinfühliger unterwegs sein.