Mahnende Post aus dem Vatikan

von Redaktion

Missbrauchsskandal, Vertrauensverlust, Mitgliederschwund – die katholische Kirche in Deutschland hat reagiert und sich eine Reformdebatte verordnet. Jetzt schaltet sich der Papst ein, schreibt einen langen Brief. Wie geht es nun weiter?

VON C. ARENS, T. WINKEL UND C. MÖLLERS

München/Bonn/Vatikanstadt – Nach der Post von Papst Franziskus schaltet die Kirche in Deutschland einen Gang höher – und verstärkt ihre Suche nach dem künftigen Kurs. Die Reaktionen auf den Brief aus Rom kamen prompt und aus vielen Richtungen. Die meisten Bischöfe und engagierte Katholiken fühlen sich offenbar ermutigt, auf dem im März eingeläuteten Reformweg weiterzugehen. Doch es gibt auch andere Deutungen.

Um einen „Standardbrief“ handelt es sich nicht. Der veröffentlichte Text ist das erste vergleichbare Papstschreiben an die Kirche in Deutschland seit Jahrzehnten und liest sich nicht wie ein Machtwort. Franziskus dankt den deutschen Katholiken für ihre Großzügigkeit und Verantwortung, er schreibt sehr persönlich, betont Gemeinsamkeiten – zugespitzt formuliert: Vertrauen statt Verbote. Zugleich setzt der Papst auf den 28 Seiten durchaus Leitplanken (siehe Kasten). So mahnt er die Einheit mit der Gesamtkirche an. Und findet Worte für eigene Aufgaben der Teilkirchen mit ihren eigenen Problemen.

Unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals haben die deutschen Bischöfe im Frühjahr einen „verbindlichen synodalen Weg“ zur Erneuerung der Kirche angestoßen. Mit ihm wollen sie Vertrauen zurückgewinnen. Fest steht, dass neben Bischöfen externe Experten und Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) teilnehmen sollen.

In seinem Brief beschreibt Franziskus die kirchliche Lage hierzulande kenntnisreich. Ohne Scheuklappen nimmt er den Verfall des Glaubens auch in traditionell katholischen Gebieten in den Blick. Er äußert sich hier jedoch nicht direkt zu heißen Eisen, etwa den lauter werdenden Rufen nach einer Weihe von Frauen.

Viele Bischöfe und Laienvertreter haben sich postwendend zu Wort gemeldet – mitunter in betonter Gemeinsamkeit. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), sehen sich eingeladen, „den angestoßenen Prozess in diesem Sinn weiter zu gehen“. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki betont, dass der Papst nichts beschönige und auf den Vorrang der Evangelisierung hinweise. Ähnlich äußern sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick und weitere Bischöfe. Kirche müsse missionarisch sein.

Neben aller Ermutigung – die Post aus Rom wird auch als Mahnung an die Kirche hierzulande aufgefasst, etwa in Regensburg. „Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein ‘Weiter so’ geben, weder in Inhalt noch in Form“, fordert Generalvikar Michael Fuchs mit Blick auf den synodalen Weg. Der Brief dränge eigentlich auf eine „komplette Neufassung eines solchen Prozesses“. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer gilt als einer der konservativsten Bischöfe – er versucht, den synodalen Prozess zu stoppen. Die Aufweichung des Zölibats oder die Weihe von Frauen lehnt er strikt ab. Die Bewegung „Wir sind Kirche“ sieht dagegen im synodalen Weg die „einzige und vielleicht letzte Möglichkeit, die existenzielle Kirchenkrise in Deutschland zu überwinden“. Dazu müssten sich die Bischöfe auf einen transparenten Dialog „ohne Vorbedingungen“ mit dem Kirchenvolk und Theologen einlassen. Was bedeutet der Brief nun für den „synodalen Weg“? Franziskus räumt ein, dass der Begriff unklar sei. Ein Stoppschild – von manchen befürchtet und anderen erhofft – hat er aber nicht aufgestellt. Die Fahrt geht weiter.

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