Mittenwald – Als der Gemeindehirte ans Telefon geht, klingt er müde und niedergeschlagen. „Jetzt bitte nicht“, sagt Josef Hornsteiner. Er ist am Boden zerstört. Der Mittenwalder (Kreis Garmisch-Partenkirchen) musste am Montagvormittag so ziemlich das Schlimmste erleben, was einem leidenschaftlichen Herdenhüter passieren kann: Ein Felssturz am Predigtstuhl riss über 100 seiner Schafe in den Tod. Nur verständlich, dass dem „Zegl-Beppi“, wie er im Ort genannt wird, am Montag alles andere als zum Telefonieren zu Mute war.
Dementsprechend wenig Infos gibt es bisher auch über den Zustand der Herde, die seit Samstag im Bereich des Predigtstuhls zwischen der Dammkar- und der Hochlandhütte im Karwendelgebirge bei Mittenwald zur Sommerweide getrieben wurde. Ersten Informationen zufolge ist ein großer Teil der Herde hinabgerissen und teilweise verschüttet worden. Rund 100 Tiere haben den Felssturz offenbar nicht überlebt, die restlichen Tiere sind ängstlich in unwegsames Gelände in sämtliche Richtungen davon gerannt. Schon gestern haben zahlreiche Hirten die etwa 30 bis 40 versprengten Tiere zusammengetrieben und in sicheres Gelände gebracht.
Einer der ersten Augenzeugen des Unglücks, Stefan Müller, Wirt der Hochlandhütte, ist fassungslos. Er kann und will noch nicht beschreiben, welch tragische Szenen sich da am späten Montagvormittag vor seinen Augen nur unweit der Berghütte abspielten. „Ich kann dazu noch nichts sagen, es ist noch zu frisch. Das Ereignis muss ich erst mal sacken lassen.“ Zu tief hat sich der Anblick ins Gedächtnis gebrannt, als sich gegen 10.45 Uhr am Montagvormittag ein Geröllfeld in der Felsformation nicht weit von seiner Berghütte löste.
Für die Isartaler haben Bergschafe einen hohen Stellenwert. Die Liebe zum Tier teilen sich hunderte Bergschafzüchter in Mittenwald. Die meisten von ihnen haben selbst Schafe in der betroffenen Herde. Jeder will jetzt wissen, ob sein Tier wohlauf ist. „Unsere Landwirte sind eng mit ihren Tieren verbunden. Das Unglück am Predigtstuhl ist ein sehr tragisches Ereignis von gewaltigem Ausmaß“, sagt Landrat Anton Speer (Freie Wähler) gestern, nachdem er von dem Unglück im Karwendelgebirge erfahren hat.
Der Anblick von hunderten Schafen nach einem Sturz in die Tiefe hinterließ auch bei den Rettern einen bleibenden Eindruck. Die Polizei versuchte sich nach der Alarmierung zuerst mit einem Hubschrauber einen Überblick über die unübersichtliche Situation zu verschaffen. „Wir mussten schnell überprüfen, ob keine Menschen zu Schaden kamen“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Hier konnte er aber Entwarnung geben: „Stand jetzt sind keine Personen verletzt worden.“
Die Bergwacht wollte mit einem Hubschrauber in das Gebiet vordringen, um unter anderem die Unglücksstelle zu sichern und Schafe zu bergen. Dabei machte das Wetter den Rettern zu schaffen. Durch den heftigen Regensturm zur Mittagszeit und am frühen Nachmittag konnte der Helikopter nicht starten. „Am Nachmittag musste der Einsatz vorerst abgebrochen werden“, sagt Klaus Knapp vom Katastrophenschutz des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen. Auch am Abend mussten die Hubschrauber wegen Gewitterschauern am Boden bleiben.
Geprüft werden soll nun auch, ob der Felsrutsch möglicherweise mit dem Erdbeben zusammenhängen könnte, das sich am Freitagmittag in der Region Garmisch-Partenkirchen ereignet hatte.