Wohngemeinschaften: AOK zahlt Pflege nicht

von Redaktion

Das kann ganz schön ins Geld gehen. Jedenfalls wenn man AOK-versichert ist. Pflegebedürftige in betreuten Wohngemeinschaften sollen für das Verbinden von Wunden und Medikamentengabe selbst zahlen. Manche klagen dagegen. Mitarbeiter demonstrieren.

VON K. RIESTERER-KREUTZER

Cadolzburg – Der Gemeinde- und Wohltätigkeitsverein Cadolzburg (Landkreis Fürth) macht mobil gegen die AOK. Nachdem die Krankenkasse die Behandlungskosten für Pflegekräfte in betreuten Wohngemeinschaften nicht mehr übernimmt, hat sich eine Betroffenen-Initiative formiert. Geplant sind Demonstrationen vor AOK-Niederlassungen. Bis vergangenen Herbst gab es bei der Abrechnung für die Kosten der Behandlungspflege in ambulant betreuten Wohngemeinschaften, in denen überwiegend Demenzkranke leben, kein Problem. 250 bis 1250 Euro fallen pro Patient im Monat für die Versorgung durch examinierte Pflegekräfte an. Sie verabreichen Medikamente, verbinden Wunden, messen den Blutzuckerspiegel und legen Kompressionsstrümpfe an.

Ende 2018 kam für die Patienten der Schock: Die AOK weigerte sich, fortan für die Kosten aufzukommen. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ihr Argument: Präsenzkräfte sollen die Tätigkeiten der Pflegekräfte übernehmen. Die Geschäftsführerin des Gemeinde- und Wohltätigkeitsvereins Cadolzburg, Birgit Bayer-Tersch, ist entsetzt: „Das ist vollkommen absurd“, sagt sie. Präsenzkräfte seien zwar 24 Stunden vor Ort. „Sie sind aber gering bezahlte Kräfte, die kochen und einkaufen gehen. Medikamente verteilen wollen und können sie nicht“, erklärt Bayer-Tersch. „Diese ungeheure Verantwortung kann man nicht in die Hände von Laien legen. Dann kann die Aufgabe ja gleich der Postbote übernehmen, der kommt auch einmal am Tag.“

AOK-Pressesprecher Steffen Habit begründet die Entscheidung der Versicherung: „Da die Pflegeversicherung in ambulanten Wohngemeinschaften Präsenzkräfte bezuschusst, gehen wir davon aus, dass diese auch einfachste Tätigkeiten der medizinischen Behandlungspflege wie etwa Medikamentenabgabe zu übernehmen haben.“ Auch bei einer Betreuung Zuhause würden Angehörige diese Aufgaben übernehmen, so der Pressesprecher.

Die Folge: Der Diakonieverein muss den Betroffenen die Leistungen seit dem letzten Quartal 2018 in Rechnung stellen. Je nach Fall sollen die bei der AOK Versicherten monatlich zwischen 250 und 1250 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Bayer-Tersch hat die Rechnungen für das erste Quartal 2019 noch nicht an die Bewohner verschickt. „Ich traue es mich nicht“, sagt sie. „Ich weiß, dass die Betroffenen das nicht stemmen können.“ Mittlerweile sind 15 000 Euro zusammengekommen.

Auch Kurt Zollhöfer findet, dass die AOK mit ihren Versicherten so nicht umgehen kann. Er hat für seine Mutter, die in einer Wohngemeinschaft in Cadolzburg lebt, Klage beim Sozialgericht eingereicht und in erster Instanz gewonnen. Allerdings hat die AOK mittlerweile Einspruch eingelegt. Zollhöfer müsste wieder klagen, das Verfahren ginge in die zweite Instanz.

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