„Eine Katastrophe für Pendler“

von Redaktion

Weil Lokführer fehlen, fällt seit Wochen auf verschiedenen Strecken in Bayern ein Zug nach dem anderen aus. Besonders hart trifft es ländliche Gemeinden. Jetzt will der Landtag den Druck auf die Eisenbahnunternehmen erhöhen.

VON FREDERICK MERSI UND DOMINIK GÖTTLER

München – Es ist kurz vor 7 Uhr, Tunaham Gümüs sitzt im Expressbus von Eichstätt nach Ingolstadt. Eigentlich fährt der 16-Jährige gerne mit der Bahn zur Berufsoberschule. „Aber ich habe es aufgegeben, mit dem Zug zu fahren“, sagt er. „Weil die so unzuverlässig ist, fahren wir nur noch mit dem Bus“, sagt sein 17-jähriger Klassenkamerad Nikola Capin. Seit dem 10. Juli hat kein Zug der Bayerischen Regiobahn (BRB) mehr das Zentrum von Eichstätt erreicht, wo die beiden wohnen. Der Grund: Lokführermangel.

Den Personalmangel habe man schon in den Wochen zuvor nur dadurch auffangen können, „dass Mitarbeiter mit enormem Einsatz und durch Überstunden und Sonderschichten eingesprungen sind“, sagt ein Sprecher der BRB. Dass nun geballt Verbindungen ausfallen, liege an Krankheitsfällen, Urlaubszeit und dem Weggang von Leih-Lokführern. Und das betrifft bei der BRB nicht nur die Strecke von Eichstätt nach Ingolstadt. Auch zwischen Weilheim und Schongau klagten Schulleiter noch vor wenigen Tagen, dass ihre Schüler ständig zu spät zum Unterricht kämen. Mittlerweile fährt ein eigener Schülerbus, um die letzten Schultage zu überbrücken.

Mit dem Lokführer-Problem ist die BRB nicht allein unter privaten Eisenbahnunternehmen in Bayern: Bei „agilis“ fallen in Franken wegen Lokführermangels Züge aus. Die Länderbahn schränkt den Verkehr auf mehreren Strecken vor allem in der Oberpfalz stark ein, darunter auch beim Alex-Nord-Zug von München nach Regensburg.

Angesichts der anhaltenden Probleme hat sich gestern auch der Landtag mit den Zugausfällen befasst. Thorsten Schwab von der CSU betonte, die aktuelle Situation sei „eine Katastrophe für Pendler und Schüler“ und so nicht tragbar. Im Gegensatz zu den Grünen sieht er das Problem aber nicht bei den Ausschreibungen und den Zuschlägen für private Anbieter. „Es liegt am Personalmangel. Und das ist ein deutschlandweites Problem.“ Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) sprach ebenfalls von einem „großen Ärgernis“. „Wir versuchen die Probleme zu lösen, aber das wird eine längere Wegstrecke sein.“ Der Landtag verabschiedete einen Antrag, in dem die Staatsregierung aufgefordert wird, Bahnunternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen und mögliche Vertragsstrafen auszuschöpfen.

Die BEG als Aufsichtsbehörde und die BRB verweisen ebenfalls darauf, dass der Lokführermangel ein bundesweites Problem sei. „Der Triebfahrzeugführer ist seit mehreren Jahren ein sogenannter Engpassberuf“, bestätigt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Bis eine Stelle besetzt werden kann, müssten Arbeitgeber im Schnitt ein halbes Jahr lang suchen.

Gerade kürzere Strecken seien als Einsatzorte auf Dauer nicht attraktiv, sagt Uwe Böhm, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokführer in Bayern. „Es gibt zwar auch Kollegen, die glücklich sind, wenn sie immer die gleichen zehn Kilometer fahren dürfen – aber eben nicht für 30 Jahre.“ Durch die Privatisierung der Bahnunternehmen und deren unterschiedliche Fahrzeugtypen seien die Einsatzgebiete für Lokführer im Nahverkehr immer kleiner geworden.

Die Deutsche Bahn bemüht sich derzeit mit zusätzlichen Angeboten um neue Mitarbeiter. So entstehen in München derzeit in Kooperation mit einer Genossenschaft 74 Wohnungen, welche die Bahn dann 15 Jahre lang exklusiv an ihre Mitarbeiter vermitteln kann. Außerdem hat die Bahn in der Landeshauptstadt 23 Grundstücke identifiziert, die grundsätzlich bebaubar wären. Allerdings beschäftigt das Staatsunternehmen allein in der bayerischen Landeshauptstadt 11 000 Menschen.

Tunahan Gümüs und Nikola Capin im Expressbus nach Ingolstadt sind jedenfalls frustriert. Die Deutsche Bahn habe schon keinen guten Ruf, sagt Gümüs, kurz bevor sie aussteigen. „Aber die BRB ist noch schlimmer.“ Auch wenn nach den Sommerferien wieder Züge ins Eichstätter Zentrum fahren sollen, wollen die Jugendlichen weiter den Bus nutzen. „Der ist einfach viel, viel zuverlässiger“, sagt Capin.

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