Wieder mehr Drogentote in Bayern

von Redaktion

München – Es schien sich eine Trendwende anzubahnen, als im vergangenen Jahr die Zahl der Drogentoten in Bayern erstmals seit vielen Jahren deutlich gesunken war. 235 Todesopfer weist die Statistik für 2018 aus, 2017 waren es noch 308 Tote. Dieser Rückgang ist aber offenbar nicht von Dauer. Bis April 2019 hat es bereits 30 Prozent mehr drogenbedingte Todesfälle gegeben als im Vorjahreszeitraum. In München hat sich die Zahl der Drogentoten von elf auf 22 sogar verdoppelt. Hauptursache sind nach wie vor Vergiftungen durch Opioide wie Heroin.

„Wir müssen handeln, wenn wir endlich die Zahl der Toten langfristig verringern wollen“,sagt Olaf Ostermann, stellvertretender Bereichs-Geschäftsführer beim Suchthilfeverein Condrobs, anlässlich des Internationalen Gedenktags für Drogentote, der heute begangen wird.

In Bayern ist die Situation besonders brisant. In keinem anderen Bundesland sterben so viele Menschen den Drogentod wie im Freistaat. Eine Ursache sei die vor allem in Bayern repressive Drogenpolitik, sagt Ostermann. Es ist für Drogensüchtige schwieriger, an klassische Drogen wie Heroin und Kokain heranzukommen.

Das wiederum führt jedoch dazu, dass Drogenabhängige auf andere Stoffe ausweichen, etwa auf Fentanyl, das in Schmerzpflastern enthalten ist. Sie kochen die Pflaster aus und spritzen sich den Sud. Das ist eine extrem gefährliche Praxis, da sich vorher nicht einmal annähernd abschätzen lässt, wie viel des starken Opioids sich beim Kochen herauslöst. Die Folge: Zwischen 15 bis 30 Prozent der bayerischen Drogentoten haben Fentanyl im Blut. Bundesweit liegt der Durchschnitt bei sechs bis acht Prozent.

„Die restriktive Drogenpolitik in Bayern führt zudem dazu, dass sich Drogenkonsumenten regelrecht verstecken müssen, sie sich ins Private zurückziehen, um dort alleine zu konsumieren“, sagt Ostermann. Und das bedeutet: Wenn ein Notfall wie eine Überdosis eintritt, ist niemand da, der Hilfe leisten könnte.

Eine der Haupt-Forderungen von Condrobs und anderer Hilfsorganisationen ist deshalb die Einrichtung von Drogenkonsumräumen. Das sind geschützte Räume, in denen die Männer und Frauen die Möglichkeit haben, mit sterilen Materialien, unter Aufsicht und ohne Angst vor Strafverfolgung Substanzen zu konsumieren. „Mit Drogenkonsumräumen ließe sich die Zahl der Drogentoten vergleichsweise leicht verringern“, sagt Ostermann.

Bisher gibt es Drogenkonsumräume in sechs Bundesländer: Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. Als siebtes Bundesland kommt in diesem Jahr Baden-Württemberg hinzu.

In München war es im vergangenen Jahr beinahe so weit. Es gab einen auch von CSU-Stadträten getragenen Stadtratsbeschluss, in München im Rahmen eines Modellprojekts einen Drogenkonsumraum zu eröffnen. „Die neue Staatsregierung hat sich mit diesem Beschluss aber noch nicht auseinandergesetzt“, sagt Ostermann.

Auf der anderen Seite, und auch das betont Ostermann, habe Bayern sehr viel dafür getan, niedrigschwellige Hilfsangebote für Drogensüchtige aufzubauen. Und beim Naloxon-Modellprojekt, das die Staatsregierung mit 330 000 Euro unterstützt, sei Bayern sogar bundesweiter Vorreiter.

Naloxon ist ein Wirkstoff, der bei einer Überdosis den Atemstillstand löst. Im Modellprojekt werden Drogenkonsumenten mit diesem Stoff in Form eines Nasensprays ausgestattet und sie sowie Angehörige und Freunde geschult, was im Falle einer Überdosis zu tun ist.

Condrobs hat in München bereits von 2016 bis 2018 Naloxon-Schulungen durchgeführt. 116 Drogenkonsumenten bekamen das Notfall-Kit. das in diesem Zeitraum zehnmal eingesetzt wurde. „Zehn Leben wurden gerettet“, sagt Ostermann. „Das zeigt, wie wichtig dieses Modellprojekt ist.“ Insgesamt 450 Drogenkonsumenten in Bayern sollen bis 2020 das Naloxon-Spray erhalten.

Die Gedenkfeier zum Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige findet heute von 11 bis 14 Uhr auf dem Münchner Marienplatz statt – mit Ansprachen, Musik und Info-Ständen zum Thema. BEATRICE OSSBERGER

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