Computerspielsucht: „Massives Problem, aber ein Tabuthema“

von Redaktion

86 000 berufstätige Bayern sind abhängig – Jeder zweite baut im Job massiv ab – Problem beginnt im Kindesalter

München – 86 000 berufstätige Bayern sind süchtig nach Computerspielen. Im Schnitt einer von 100 Erwerbstätigen. Und: Jeder 20. Arbeitnehmer im Freistaat gilt als „riskanter Gamer“ mit auffälligem Nutzungsverhalten. Diese alarmierenden Zahlen gehen aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport hervor.

Die Folgen für den Job sind verheerend: Bei den Abhängigen daddeln 47 Prozent während der Arbeitszeit, also jeder Zweite. Diese Gruppe ist im Beruf auch besonders unkonzentriert, chattet, liest Foren oder schafft es nach durchzockten Nächten nicht pünktlich zur Arbeit. Es sind vor allem Männer unter 40 Jahren betroffen.

Erstmals hatte die Krankenkasse DAK das Thema „Gaming“, die Nutzung von Computerspielen, und dessen Auswirkungen auf die Arbeitswelt untersucht. „Aus Spaß kann schnell Sucht werden. Deshalb muss der Glückspielcharakter in Computerspielen eingedämmt werden“, warnte jüngst Andreas Storm von der DAK.

Doch woran erkennt man eine Sucht nach Computerspielen? Und: Wann ist die Grenze zwischen Normalität und Besessenheit überschritten? Deutliche Hinweise lieferten Experten zufolge diese Verhaltensweisen: kein Interesse an früheren Hobbys, Lügen über das Ausmaß des Spielverhaltens und vor allem Kontrollverlust. Typisch sei auch, dass Betroffene extrem gereizt und nervös reagierten, wenn sie plötzlich ohne Internetverbindung dastehen – viele Experten gehen davon aus, dass Menschen, die etwa 30 bis 35 Stunden pro Woche zum reinen Vergnügen online sind, als suchtgefährdet angesehen werden können.

Die Besessenheit gehe demnach oft mit einer Flucht vor der Realität einher: Man wolle Alltagsprobleme hinter sich lassen, sich vielleicht sogar eine neue Identität aufbauen, die von der realen Welt entkoppelt sei. Auch Minderwertigkeitsgefühle, Stress im Beruf und im Privatleben sowie Depressionen förderten eine Abhängigkeit.

Das Problem beginnt allerdings nicht erst im jungen Erwachsenenalter, sondern viel früher, wie eine Studie der DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen belegt: Rund 465 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland legen demnach ein auffälliges Verhalten bis hin zur Sucht an den Tag, heißt es; für die Studie wurden tausend Zwölf- bis 17-Jährige zu ihrem Spielverhalten befragt. Besonders erschreckend: In dieser Gruppe sahen die Forscher mehr Ausgaben für Computerspiele, häufigeres Fehlen in der Schule und öfter emotionale Probleme als bei unauffälligen Spielern. „Wenn so viele Jugendliche die Kontrolle über das Computerspielen verlieren, dann läuft etwas richtig schief“, erklärte dazu Marlene Mortler (CSU), die bis Anfang Juli Beauftragte der Bundesregierung für Drogenfragen war und seither im Europaparlament sitzt.

Dass die Computerspielsucht zunehmend auch Personalabteilungen beschäftige, belegt eine Onlinebefragung der Technischen Universität München. „Es ist ein massives Problem, aber ein Tabuthema“, erklärte dazu Experte Volker Nürnberg im „Deutschen Ärzteblatt“. An der Befragung hatten 108 Unternehmen teilgenommen. In fast 60 Prozent dieser Firmen wurde über Auffälligkeiten unter Mitarbeitern berichtet, sprich über Fehlzeiten und Problemen mit Aufmerksamkeit sowie Konzentration. Aber: Präventionsmaßnahmen boten nur ein Viertel der Betriebe an.         bn

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