München – Wenn es so heiß ist wie jetzt, häufen sich auf Claus Fusseks Schreibtisch Fälle, die er eigentlich gar nicht glauben kann. Angehörige schildern ihm, wie sie ihre Eltern im Pflegeheim vorgefunden haben. Zusammengesackt im Stuhl, kaum ansprechbar – und völlig dehydriert. Dass Senioren zu wenig trinken, ist nicht nur im Sommer ein Problem. Aber wenn es so heiß ist wie in dieser Woche, ist es besonders gefährlich. „Ältere Menschen haben einfach oft kein Durstgefühl“, erklärt der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek. „Oder sie haben Angst, nicht rechtzeitig zur Toilette zu kommen, wenn sie viel trinken.“ Der Pflegekräftemangel sei deshalb besonders in den Sommermonaten ein gravierendes Problem.
Und das kommt jedes Jahr aufs Neue auf. Deshalb wird Fussek nicht müde, jeden Sommer eine Initiative zu starten. Er plädiert für Trinkpatenschaften. Nicht nur Familienangehörige, sondern auch Ehrenamtliche könnten seiner Meinung nach die Pflegekräfte entlasten, wenn sie dabei helfen, Senioren zum Trinken zu animieren. Denn auch die Einsamkeit sei ein Faktor. „Bei vielen älteren Menschen muss man einfach eine Weile sitzen bleiben, damit sie trinken.“
Obwohl seine Paten-Idee schon einige Sommer alt ist, gibt es in Bayern bisher noch keine Trinkpatenschaften. Doch entmutigt ist Fussek deshalb keineswegs: „Es geht mir ja vor allem darum, für das Thema zu sensibilisieren“, sagt er. „Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass in Heimen genug getrunken wird – ist es aber nicht.“ Auch der Personalmangel sei dafür keine Entschuldigung, betont er. Denn es gebe schließlich Heime, die trotz allem kreative Lösungen für die heißen Tage finden.
Zum Beispiel das Pflegeheim in Wollomoos (Kreis Dachau). „Am Trinken darf es nie scheitern“, sagt die Geschäftsführerin Nina Fuchs. Auch sie weiß aus Erfahrung, dass man gerade ältere Menschen intensiv zum Trinken motivieren muss. „In Gesellschaft macht es einfach mehr Spaß“, sagt sie. Deshalb werden in ihrem Pflegeheim gerade viele Sekt-Partys und Cocktail-Nachmittage veranstaltet. Statt Tee aus der Schnabeltasse gibt es fruchtige Getränke und Schorlen in schönen Gläsern oder Tassen – denn auch das mache viel aus, betont sie. Auch der Morgen beginnt für ihre Heimbewohner jeden Tag mit einem Kaffee im Bett. „Wir fragen uns bei allem, was wir tun: Worüber würden wir uns zu Hause freuen“, erklärt Fuchs. Das sei auch mal ein Radler am Abend. Dokumentiert wird in Wollomoos, sobald es bei Bewohnern Auffälligkeiten im Trinkverhalten gibt. „Wir würden es unseren rund 100 Senioren sofort anmerken, wenn sie zu wenig getrunken haben“, ist Fuchs überzeugt. Alle Mitarbeiter seien für das Thema Trinken sensibilisiert. „Dass genug getrunken wird, ist bei uns eine Selbstverständlichkeit – und das sollte es eigentlich in jedem Heim sein“, betont Fuchs.
Doch nicht nur bei Senioren ist es gefährlich, wenn sie bei der Hitze zu wenig Flüssigkeit aufnehmen. Auch in den Krankenhäusern leiden besondern Patienten mit Fieber, kardiologischen oder Kreislauf-Problemen und frisch operierte Menschen unter den hohen Temperaturen. „Sie fordern dem menschlichen Organismus Höchstleistungen ab“, erklärt Christian Seufert, der Ärztliche Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Amper-MVZ am Dachauer Klinikum. Die Gefäße weiten sich, der Körper verliert durch das permanente Schwitzen viel Flüssigkeit und der Blutdruck sinkt. Auch in der Notaufnahme sind im Dachauer Krankenhaus in dieser Woche täglich rund zehn bis 20 Menschen mehr als gewöhnlich erschienen. Die Helios-Amper-Kliniken in Dachau und Indersdorf seien auf die Hitze aber gut vorbereitet, betont eine Sprecherin. In allen Teilen der Gebäude wurden Trinkwasserbrunnen aufgestellt – nicht nur für Patienten, sondern auch für Angehörige und Personal.
Auch in der München Klinik sei die Hitze kein großes Problem, berichtet eine Sprecherin. Klimatisiert werden dürfen zwar nur die Intensivbereiche. Auf den Stationen werden aber tagsüber die Jalousien geschlossen, abends lüften die Mitarbeiter durch. Die Patienten bekommen bei Bedarf kühlende Waschlappen auf die Stirn. Damit das Trinken leichter fällt, bereiten die Pfleger Eistee und Getränke mit Fruchtgeschmack zu. Und auch an das Personal werde gedacht: „Die Stationsleitungen und leitenden Ärzte versorgen ihre Teams gerne mit einer Runde Eis.“