365-Euro-Ticket verspätet sich

von Redaktion

VON DIRK WALTER

München – Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) soll billiger werden – und dadurch mehr Pendler zum Umstieg vom Auto in die S-Bahn bewegt werden. Ende April dieses Jahres hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) medienwirksam zu einem ÖPNV-Gipfel in die Staatskanzlei geladen. Ein Ergebnis damals: Bayern macht es Hessen nach und führt ein 365-Euro-Jahresticket ein. Umgerechnet für einen Euro pro Tag durch das MVV-Gebiet also. „Vielleicht schon im Herbst, spätestens im kommenden Jahr“ solle es soweit sein, sagte der Ministerpräsident damals. Er fügte an, dass das Ticket zuerst für Schüler und Azubis kommen solle, später dann für alle.

Der Herbst naht – doch mit dem Ticket wird es in diesem Jahr definitiv nichts. Der MVV hat abgewunken, er ist noch mit der Umsetzung der großen MVV-Reform beschäftigt, die im Dezember kommen wird. Dabei werden die 16 Ringe abgeschafft, es gibt nur noch eine große München-Zone und sechs Zonen außenrum (wir berichteten).

Viele Details zum 365-Euro-Ticket sind indes noch ungeklärt, die Experten sind hier nicht viel schlauer als Ende April. „Die Kernfrage ist die Finanzierung“, heißt es aus dem MVV. Das neue Ticket müsste für den MVV kostenneutral sein, das heißt, die Einnahmeausfälle müssen ausgeglichen werden. 30 Millionen Euro pro Jahr sollen es sein, die Freistaat (zwei Drittel) und Landkreise/Stadt (ein Drittel) übernehmen müssten, sagt der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß (CSU), der Sprecher der MVV-Landkreise ist. Dazu befindet sich der Verkehrsverbund im Gespräch mit dem bayerischen Verkehrsministerium. Im Doppelhaushalt des Freistaats für die Jahre 2019/20 ist jedoch bisher kein Geld eingeplant, wie Finanzminister Albert Füracker (CSU) im Gespräch mit unserer Zeitung einräumte. Das ist ein Problem, weil die Haushaltsspielräume durch etliche Mehrausgaben (Familiengeld, Pflegegeld, Artenschutz-Gesetz) immer enger werden. Die Steuerschätzung Ende Oktober werde ergeben, „wie sehr ich auf der Bremse stehen muss“, fügte Füracker an. Er weiß: Wenn er dem MVV Extra-Geld für so ein attraktives Ticket bewilligt, weckt das Begehrlichkeiten auch bei anderen Verbünden im Freistaat – Nürnberg, Augsburg oder Regensburg zum Beispiel. Auch hier müsste ein 365-Euro-Ticket mit Millionenbeträgen bezuschusst werden.

Allerdings fürchten diese Städte auch eine zunächst nicht bedachte Auswirkung: Bisher wird der Schülerverkehr nur punktgenau vom Wohnort zur Schule abgerechnet. Künftig aber könnte jeder Schüler jede beliebige Schule ohne Extra-Fahrtkosten besuchen – faktisch eine Aufhebung der Sprengel-Grenzen. Diese Änderung der Schülerströme muss erst kalkuliert werden und lässt Städte wie Nürnberg zaudern.

Aus dem Haus des Münchner MVV-Chefs Bernd Rosenbusch heißt es nun: „Wir könnten, sofern der politische Auftrag kommt, eine Umsetzung zum 1. September 2020 bewerkstelligen, warten aber auf ein Startsignal.“ Konditionen wie Alter und Berechtigte müssten definiert werden. „Wir müssen im Herbst die Beschlüsse fassen“, mahnt Niedergesäß.

Artikel 10 von 11