Mittenwald – Um exakt 9.22 Uhr morgens werden bei den Ministern die Lebensgeister geweckt. Der Mittenwalder Bürgermeister Adi Hornsteiner hat gerade ein Gstanzl über den Almfrieden zum Besten gegeben („Auf der Alm oben gibt’s koan Streit“). Und dann schenkt er den Landespolitikern zum Start der diesjährigen Hauptalmbegehung auf der Vereiner Alm den ersten Obstbrand ins Glas. Prost und runter damit. Wandererfrühstück. Wobei Umweltminister Thorsten Glauber (FW) und Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) die Stärkung genau genommen gar nicht nötig gehabt hätten. Denn sie lassen sich nach ihren Ansprachen am Ausgangspunkt schnell wieder zurück ins Tal fahren. Termine, Termine.
Georg Mair, seit 13 Jahren Chef der oberbayerischen Almbauern, hat schon einer ganzen Reihe von Kabinettsmitgliedern auf der Alm die Leviten gelesen – was der Liedzeile aus dem Almerergstanzl zumindest einmal im Jahr widerspricht. Und er wird nicht müde, jedes Jahr aufs Neue seine Appelle an die Politik zu richten. Tourismusdruck, Weideprämien, Haftungsfragen, das Bienen-Volksbegehren. Das liegt den Almbauern auf dem Herzen. Und ja, natürlich ist auch der Wolf in diesem Jahr wieder das bestimmende Thema. Während in Tirol wohl gerade ein Exemplar gewildert wurde, datiert der letzte Nachweis in Oberbayern auf den Januar dieses Jahres in Traunstein. Derzeit ringt die Staatsregierung darum, welche Gebiete Bayerns zur Weideschutzzone deklariert werden. Dort sollen Wölfe künftig leichter geschossen werden dürfen. „Für uns verfehlt das das Ziel“, sagt Mair. „Wir bräuchten eine durchgehende wolfsfreie Zone von Berchtesgaden bis Lindau, südlich der Autobahn.“
Und tatsächlich sagt ihm Landwirtschaftsministerin Kaniber Unterstützung zu: „Tierschutz ist keine Einbahnstraße, er gilt auch für die Weidetiere“, sagt sie unter Applaus. „Das Thema muss in Brüssel angepackt werden. Und wir werden dafür kämpfen, dass der Schutzstatus geändert wird und dass wir wolfsfreie Zonen bekommen.“ Umweltminister Glauber, dessen Haus in dieser Frage in der Regel eine bei den Almbauern eher unbeliebte Linie vertritt, spricht danach lieber über den Klimawandel und den Tourismusdruck. „Grundsätzlich ist es ein Gewinn, wenn es die Jugend wieder in die Berge zieht.“ Aber ein Naturerlebnis ohne Limits sei nicht möglich.
An diesem Wandertag ist vor allem ein Ausblick ohne Limits nicht möglich. Während in den vergangenen Jahren bei der Hauptalmbegehung stets Kaiserwetter herrschte, hatten die rund 750 Teilnehmer heuer weniger Glück. Doch sie lassen sich auch von dem Dauerregen und dichten Nebelwolken nicht beirren und marschieren strammen Schrittes die gut elf Kilometer lange Strecke bis zur Fischbachalm. Erst dann lässt sich die Sonne zu einigen spärlichen Strahlen hinreißen.
Dann dürfen auch die Abgeordneten sprechen, die sich nicht von Regen und Terminen von der Wanderung haben abbringen lassen. Dauergast Ilse Aigner (CSU) zum Beispiel, die den Almbauern Mut für die Zukunft zuspricht. Oder Martin Hagen (FDP), der einen Seitenhieb auf den letztjährigen Gast Markus Söder parat hat: „Diesmal ist kein Wahlkampf, da sind nur die Politiker da, die es auch wirklich interessiert.“ Und Ludwig Hartmann (Grüne), der sich von der Almwirtschaft im Landkreis Garmisch-Partenkirchen so beeindruckt zeigt, dass er sagt: „Wenn es überall in Bayern so wäre wie hier, hätten wir das Volksbegehren gar nicht gebraucht.“