Ein Leben (fast) ohne Plastik

von Redaktion

Riegsee – Geschickt taucht Vanessa Bosse die Aluminiumform mit dem Eis kurz in einen Topf mit warmem Wasser. So löst sich das Gefrorene aus der Form. Danach zieht sie behutsam das Eis an seinem Holzstäbchen heraus. Die Elfjährige grinst. „Das besteht nur aus Orangensaft – und wir brauchen kein Plastik dafür. Das ist das Coole daran“, erklärt sie selbstbewusst und beginnt zu schlecken.

Seit etwa eineinhalb Jahren verzichtet Familie Bosse-Binder aus Riegsee (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) so gut es geht auf Plastik. Im Bad hat es angefangen. „Da kann man ruckzuck umstellen“, sagt Susanne Binder. Statt Shampoo und Duschgel liegt neben der Dusche jetzt ein Stück spezielle Haarseife. Eingecremt wird mit Kokosöl. Zum Zähneputzen gibt es Holz-Zahnbürsten, anstelle von Zahnpasta Schlämmkreide und Zahnseide aus Bienenwachs. „Im Badezimmer haben wir alles plastikfrei“, erklärt Vanessa stolz. Aus Soda, Kernseife, Wasser und Duftöl mischen Mutter und Tochter Waschmittel. Auch für Spülmittel, Deo und Lippenbalsam haben sie spezielle Rezepte.

Den fast plastikfreien Haushalt hat die Familie der Schülerin zu verdanken. 2017 fiel Vanessa auf, wie viel Plastikmüll jeder Haushalt im Dorf produziert. Das wollte sie ändern – und organisierte eine Aktion zum Plastikfasten. Seitdem beschäftigt die Familie sich intensiv mit dem Thema. Auch in der Küche gibt es Glasbehälter und Holzbretter anstatt Plastik. Der Tee ist in Papier verpackt. Binder öffnet ihr Gewürzfach: Auch hier nur Glas und Papier. Einziger „Schandfleck“: das Schubfach mit Trockenwaren. „Bei Nudeln, Reis und Linsen haben wir echt ein Problem“, gesteht die 49-Jährige. Diese Produkte gibt es fast nur plastikverpackt.

Im Freistaat wandert der Plastikabfall gemeinsam mit Alu, Weißblech und Getränkekartons in den Müll, zum Beispiel in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack. „In den bayerischen Haushalten kamen im Jahr 2017 269 566 Tonnen davon zusammen“, sagt eine Sprecherin des Landesamts für Umwelt. Pro Kopf macht das 20,8 Kilogramm. Während Oberbayern mit durchschnittlich 17,6 Kilo der Regierungsbezirk mit dem geringsten Wert ist, liegt Unterfranken mit 29 Kilo pro Kopf am weitesten über dem Durchschnitt.

Aus dem Kühlschrank der Bosse-Binders wandert wenig in die gelbe Tonne. Hier stapeln sich stattdessen Glasdöschen in jeglichen Größen und Formen: Ob Brotaufstriche, Dips, Joghurt, Sahne oder Senf. Im Gemüsefach liegt offenes Obst und Gemüse. Nur ein Plastikbecher Bio-Joghurt sticht ins Auge. „Der kommt vom Bauernhof unseres Nachbarn. Aber der stellt jetzt auf Glas um, den habe ich lange genug gernervt“, erklärt Binder mit einem Augenzwinkern.

Ganz strikt ist die Familie bei ihrem Lebensstil aber nicht. „Wenn Vanessa Lust auf etwas hat, das in Plastik verpackt ist, darf sie das natürlich essen“, betont ihre Mutter. Gerade bei Süßigkeiten ist plastikfrei nämlich ganz und gar nicht einfach. Aber selbst dafür hat das Mädchen einen Kompromiss gefunden: „Ich esse Süßes, das höchstens einmal in Plastik verpackt ist, zum Beispiel Gummibärchen.“

Wenige Meter vom Haus entfernt betreibt Binder mit ihrer Freundin einen Kramerladen. Auch dort führt sie nach und nach plastikfreie Verpackungen ein: Milchprodukte im Glas, Obst und Gemüse unverpackt, Käse und Süßwaren in Cellophan-Papier – einer Alternative zum Plastik. Die Kunden akzeptieren die Änderungen. „Aber ich musste viel reden und erklären“, sagt Binder. Da sie direkt an der Quelle sitzt, geht die Riegseeerin kaum noch einkaufen. Nur ab und an schlendert sie mit Einkaufskorb und Stofftasche gewappnet über Märkte und durch Läden, stets auf der Suche nach neuen Ideen. Mehr Geld braucht die Familie nicht, seit sie Plastik vermeidet. „Im Gegenteil, wir gehen seitdem viel bewusster mit den Lebensmitteln um“, betont Binder. Ein Beispiel: 500 Gramm Natron reichen ihr etwa ein Jahr. „Damit kann ich den Abfluss reinigen, putzen und es im Geschirrspüler verwenden.“

Einige Freunde und Bekannte haben die Bosse-Binders mit ihrem Engagement schon angesteckt: Ein befreundeter Bankdirektor verbannte in seiner Filiale alle Plastikflaschen und führte stattdessen einen Wasserspender ein. Bei Freunden aus München war die Tochter von der Idee so begeistert, dass die Familie seither viel in Unverpackt-Läden einkauft, erzählt Binder.

Für „plastikfreie Einsteiger“ hat die Schülerin einen Tipp parat: „Auf die erste Plastikverpackung, die man nach dem Aufstehen sieht, wird eine Woche lang verzichtet.“ Anstatt im Tetrapack wird zum Beispiel die Milch nun sieben Tage lang im Glas gekauft. „Danach kommt für eine Woche die Zahnpasta dran. So kommt immer ein Teil mehr dazu.“ Während sie das erklärt, steht Vanessa in der Küche und raspelt Schokolade für einen Nachtisch. Die cellophanverpackte Schoko ist fast verbraucht. Als Ersatz nimmt die Elfjährige deshalb eine Tafel Ritter-Sport-Schokolade: Die Verpackung sei zwar nicht kunststofffrei, aber zumindest aus wiederverwendbarem Festplastik. Worte einer echten Expertin. FRANZISKA KONRAD

Artikel 1 von 11