München – Kerstin Schreyer weiß aus erster Hand, dass in Ein-Eltern-Familien mehr geplant und organisiert werden muss. Sie ist geschieden, hat eine 13-jährige Tochter – und als Sozialministerin einen vollen Terminplan. Die Politikerin verdient zwar gut genug, um für sich und ihre Tochter sorgen zu können – aber sie kennt durch ihre Arbeit eben auch die Statistik sehr gut. Und weiß, dass jede dritte Ein-Eltern-Familie in Bayern armutsgefährdet ist. Über 30 Prozent der alleinerziehenden Mütter oder Väter in Bayern verdienen weniger als 1500 Euro netto im Monat, sieben Prozent sogar weniger als 900 Euro. 23 Prozent der Ein-Eltern-Familien leben von Sozialleistungen. Ein genauso großer Teil der Alleinerziehenden hat keinen Berufsabschluss.
Genau diese Familien möchte Schreyer künftig noch stärker unterstützen. Zum Beispiel durch steuerliche Entlastungen. „Sie müssen vor allem in den Familien greifen, in denen das Einkommen gering ist“, betont die CSU-Politikerin. Aktuell profitieren jedoch vor allem die Gutverdienenden. Schreyer rechnet vor: „Eine Alleinerziehende mit einem Kind wird heute mit maximal 860 Euro im Jahr entlastet – falls sie ein hohes Einkommen hat. Wenn sie wenig verdient, sind es nur knapp 270 Euro.“ Deshalb fordert sie einen einheitlichen Betrag, der von der Steuer abgezogen wird. Außerdem will sie dafür kämpfen, dass das Kindergeld beim Unterhaltsvorschuss nicht mehr ganz, sondern nur noch zur Hälfte angerechnet wird.
Ihr Konzept sieht aber nicht nur finanzielle Hilfen vor – sondern auch Erleichterungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt. Die 48-Jährige möchte, dass die Jobcenter Berufsrückkehrer oder Einsteiger noch intensiver unterstützen. Es seien noch mehr Projekte und Beratungsangebote nötig – und dafür mehr Personal in den Jobcentern. Auch die Betreuungsangebote müssten besser auf die Bedürfnisse von Alleinerziehenden abgestimmt sein, findet Schreyer. „Für sie sind Ferienbetreuung und flexible Öffnungszeiten essenziell.“ Sie stellte in Aussicht, dass der Freistaat bis zu 2000 Tagespfleger fördere, die auch in Kitas zu den Randzeiten eingesetzt werden könnten.
Schreyer kündigte an, ihre Offensive über die Familienminister-Konferenz nach Berlin zu tragen. Denn gerade die steuerlichen Entlastungen müsste der Bund anstoßen. Von ihrer Idee sei sie überzeugt, betonte sie. „Nun muss ich dafür kämpfen.“
„Ich hoffe sehr, dass sie in Berlin Mitstreiter für ihre Initiative findet“, sagt Helene Heine, die Vorsitzende des Landesverbands alleinerziehender Mütter und Väter. Schreyer habe mit ihrem Vorstoß viele drängende Probleme von Ein-Eltern-Familien angesprochen. „Viel zu lange schon passiert gar nichts.“ Heine begrüßt vor allem, dass die Sozialministerin gerade die Familien am unteren Einkommensniveau entlasten will. „Dieser Ansatz ist richtig – schließlich muss jedes Kind die Chance auf einen guten Start ins Leben bekommen.“
Grüne und SPD in Bayern beurteilen die Offensive kritisch. Statt Handlungsempfehlungen für Berlin auszusprechen, sollte Schreyer in Bayern aktiver werden, fordern die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze und Doris Rauscher, die sozialpolitische Sprecherin der Bayern SPD. „Wir brauchen konkrete Hilfsangebote für Alleinerziehende – etwa in Form eines Gutscheinsystems für Haushaltshilfen zur Entlastung im Alltag“, betont Rauscher. Auch die Betreuungszeiten in Kitas und Horten müssten ausgebaut werden. Die zusätzlichen Tagespfleger, die Schreyer in Aussicht stellte, seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. KATRIN WOITSCH