Gesucht: Der Wald der Zukunft

von Redaktion

Trockenheit, Stürme und Schädlinge setzen Bayerns Wäldern massiv zu. Fichten leiden besonders unter den Folgen des Klimawandels. Forstämter und Waldbesitzer müssen ihre Wälder massiv umbauen, um sie fit zu machen für die Zukunft. Die schwierige Frage ist – mit welchen Bäumen?

VON BEATRICE OSSBERGER

Weihenstephan – Wäre der Wald ein Patient, läge er auf der Intensivstation und wäre kaum mehr ansprechbar. Um ihn herum stünden die Chefärzte mehrerer Fakultäten in weißen Kitteln und mit besorgter Miene und diskutierten darüber, wie dem Patienten zu helfen sei. Die Diskussion ist hitzig. Weil die Zeit drängt, aber auch, weil es an Erfahrungswerten fehlt. Die Krankheit gab es in dieser Form bisher nicht.

Seit Tagen überschlagen sich die schlechten Nachrichten über den Zustand der Wälder in Deutschland. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzer (AGDW) spricht angesichts der massiven Schäden von einer „Jahrhundertkatastrophe“. „Wir haben bei fast allen Baumarten täglich Hiobsbotschaften über Vitalitätsminderung und Schäden“, sagt Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF).

Die Folgen des Klimawandels setzen den Wäldern in Deutschland früher und heftiger zu als befürchtet. Die immer längeren Dürreperioden verursachen bei den Bäumen extremen Hitzestress. Gleichzeitig lassen die hohen Temperaturen die Populationen von Schädlingen wie Borkenkäfer und Eichenprozessionsspinner geradezu explodieren. „Unsere Bäume befinden sich sozusagen in einem Zweifronten-Krieg“, sagt Manfred Schölch, Professor für Waldbau und Waldwachstum an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.

Ein Umbau der Wälder, darüber herrscht Einigkeit, ist unabdingbar. Nur so werden sie auch in Zukunft ihre lebenswichtige Funktion als CO2-Speicher erfüllen können. Die Frage ist nur: Mit welchen Bäumen? Welche Arten kommen mit Hitze und Trockenheit ebenso zurecht wie mit harten Frostperioden, die auch in Zeiten des Klimawandels in Bayern noch immer vorkommen werden. Und welche Arten müssen weichen?

Ein erster Verlierer steht bereits fest. Fichten sind von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen. Das hat auch damit zu tun, dass diese Baumart in Bayern am weitesten entfernt von ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet angebaut wurde. Fichten sind Bäume der mittleren und höheren Lagen, sie mögen es kühl und feucht.

„Es ist vor allem der Wassermangel, der den Fichten stark zu schaffen macht“, sagt Schölch. Dazu kommt der Borkenkäfer. Der Schädling hat bereits in den vergangenen Jahren flächendeckend Wälder absterben lassen. Dieses Jahr könnte es noch schlimmer kommen.

Der Borkenkäfer ist kein bayerisches Problem, aber im Freistaat sind die Auswirkungen besonders dramatisch. 37 Prozent der deutschen Fichtenfläche findet sich in Bayern. Dort sind 41,8 Prozent aller Bäume Fichten. Viele davon stehen in sogenannten Fichtenreinbeständen. Hier hat der Schädling besonders leichtes Spiel.

Kiefern und Buchen sind nach der Fichte die häufigsten Bäume in Bayerns Wäldern. Aber auch sie haben Probleme. Gerade bei der Buche hatten Experten das nicht erwartet. „Buchen haben bisher immer als sehr robust gegolten“, sagt Schölch. Anders als bei der Fichte ist die Buche in Bayerns Wäldern eine standorttypische Baumart. „Das macht ihr Absterben besonders dramatisch“, sagt Schölch.

Wie wird der Wald der Zukunft aussehen? „Mehr Laub, weniger Nadel, das ist die Tendenz“, sagt Schölch. „Die Zukunft ist ein Mischwald mit möglichst vielen verschiedenen Baumarten. Nur so lässt sich das Risiko eines Totalausfalls minimieren.“

Nach geeigneten Baumarten für den Waldumbau suchen Wissenschaftler der Landesämter, Universitäten und Hochschulen seit Jahren. Seit 2012 beteiligt sich die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft an langfristigen Versuchsanpflanzungen von Gastbaumarten. An fünf Standorten, zwei davon in Bayern, werden unter anderem die Orientbuche, die Libanonzeder und die Silberlinde auf ihre Tauglichkeit getestet. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Auch Manfred Schölch hat sich mit fremdländischen Baumarten beschäftigt. „Viele sind interessant“, sagt er. „Allerdings raten wir hier zu sehr großer Vorsicht. Die Bäume mögen zwar gut mit Trockenheit zurechtkommen, aber sie sind an unser Ökosystem nicht angepasst.“ Wie sie mit heimischen Schädlingen und Pilzen zurechtkämen, sei unklar.

Die meisten Erfahrungen, was fremdländische Baumarten angeht, haben die Wissenschaftler mit der Douglasie, einem Nadelbaum, der ursprünglich aus Nordamerika kommt. Vor 190 Jahren wurden Douglasien in Mitteleuropa erstmals angepflanzt. „Mit der Douglasie haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Schölch. Der Nadelbaum ist für ihn einer der möglichen Zukunftsbäume.

Eine andere ausländische Baumart, die sich der Wissenschaftler gut im bayerischen Wald vorstellen könnte, ist die Baumhasel. Sie stammt aus dem Kaukasus und ist für ihre Genügsamkeit bekannt. Zudem ist sie frostunempfindlich, was viele andere Arten aus den wärmeren Ländern nicht sind.

Deshalb rücken beim Thema Waldumbau plötzlich auch einige heimische Baumarten in den Mittelpunkt, die so selten sind, dass sie Laien eher unbekannt sein dürften. Die Elsbeere zum Beispiel, oder der Speierling. Letzterer ist ein Wildobstbaum, der wegen seines rückläufigen Bestandes 1993 zum „Baum des Jahres“ gewählt wurde. „Der Speierling liebt Wärme und er kommt auf trockenen und nährstoffärmeren Böden gut zurecht“, sagt Schölch.

Den Wald jetzt fit zu machen für den Klimawandel, das hält auch Schölch für keine leichte Aufgabe. „Aber es ist eine Aufgabe, die wir mit vereinten Kräften schaffen können“, sagt er. Der Patient Wald brauche jetzt sehr viel Hege und Pflege. Dann aber habe er gute Chancen, wieder zu gesunden.

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