Memmingen – Zwei Stunden pro Tag dürfen die Häftlinge der JVA Memmingen im Hof der Haftanstalt verbringen. „Aufenthalt im Freien“, nennt sich das. Doch am Sonntagnachmittag haben zwei der Inhaftierten den Wachen ein Schnippchen geschlagen und ihren Aufenthalt im Freien auf bislang unbestimmte Zeit verlängert. Gökhan Günbeyi und Vaja B. überwanden während des Hofgangs eine sieben Meter hohe und mit Stacheldraht geschützte Mauer – und machten sich aus dem Staub.
Wie genau es die beiden über die Mauer geschafft haben, will Anstaltsleiterin Anja Ellinger nicht verraten, um keine Nachahmer zu ermutigen. „Ich kann nur so viel sagen: Sie waren sehr clever, sehr sportlich und sehr, sehr schnell. So etwas schafft nicht jeder.“ Die Kollegen vom Wachpersonal hätten den Fluchtversuch sofort erkannt und einen der Flüchtigen fast noch erwischt. Doch die beiden waren zu schnell. „Den Kollegen ist nichts vorzuwerfen“, sagt Ellinger.
Die sofort eingeleitete Großfahndung der Polizei inklusive Hubschrauber und Spürhunden blieb zunächst erfolglos. Zeugen beobachteten das Duo rund 45 Minuten nach dem Ausbruch an einer Straße im Bereich des Memminger Bahnhofs, der nur wenige hundert Meter von der JVA entfernt liegt. Günbeyi hatte zu diesem Zeitpunkt schon seine Anstaltskleidung gegen ein schwarzes T-Shirt, eine kurze weiße Sporthose und Sportschuhe eingetauscht. Der Zugverkehr wurde vorübergehend eingestellt, der Bahnhof durchkämmt – ohne Erfolg. Die Polizei bat die Bevölkerung, bei Kontakt nicht an die Entflohenen heranzutreten, sondern sofort die 110 zu wählen.
In Memmingen sind derzeit rund 160 Personen inhaftiert, darunter etwa 20 Frauen, wie Anstaltsleiterin Ellinger erklärt. In der Außenstelle der JVA Kempten werden Häftlinge untergebracht, die eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr absitzen müssen – oder sich in Untersuchungshaft befinden. So wie die beiden Flüchtigen. Sie sind 36 und 37 Jahre alt und stammen aus der Türkei beziehungsweise aus Georgien. Wegen Raubes und Eigentumsdelikten saßen sie in U-Haft. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie Hilfe von außen hatten“, sagt die JVA-Leiterin. Eine spontane Flucht könne es jedenfalls nicht gewesen sein. „So etwas muss geplant sein.“
Am Montagnachmittag, gut 24 Stunden nach der Flucht, war zumindest für Vaja B. die Zeit in Freiheit wieder vorbei. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung wurde der 37-Jährige in Lauben im Nachbarlandkreis Unterallgäu festgenommen – gut 15 Kilometer von der JVA entfernt. Laut Polizei war er allein und zu Fuß unterwegs. Von Gökhan Günbeyi fehlte bis Redaktionsschluss weiterhin jede Spur.
Der letzte Gefängnisausbruch in Memmingen ist 26 Jahre her. „Damals hat ein Häftling die Gitterstäbe durchgesägt“, sagt Ellinger. Danach wurde die JVA mit Manganstahl nachgerüstet. Grundsätzlich ist der Ausbruch aus einem Gefängnis in Deutschland übrigens nicht strafbar. Begründet wird das mit dem natürlichen Freiheitstrieb des Menschen. Die Hilfe zur Flucht ist jedoch eine Straftat.