Das Allgäu kämpft für die Pflege

von Redaktion

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist überall in Bayern ein riesiges Problem. Im Allgäu haben sich 13 Heimleiter zusammengeschlossen und eine Nachwuchs-Offensive gestartet. Sie wollen nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern – sondern auch das Image des Berufs.

VON KATRIN WOITSCH

Kempten – Christof König leitet seit 20 Jahren Pflegeheime. „Früher habe ich eine Stelle ausgeschrieben und 25 Bewerbungen bekommen“, erzählt er. „Heute bin ich froh, wenn ich die Stelle überhaupt besetzen kann.“ Auch wenn in seinem Seniorenheim in Kempten gerade keine Stellen offen sind – Sorgen macht König sich seit Jahren, wie es mit der Pflege weitergehen wird. „Der Bedarf wird größer, allein wegen des demografischen Wandels.“ Nach Hochrechnungen werden bis 2030 allein in Bayern rund 80 000 Pflegekräfte fehlen. „Wir brauchen den Nachwuchs dringender denn je“, betont König. Doch er hat das Gefühl, dass der Beruf für junge Leute immer unattraktiver wird. Auch deshalb, weil so viel über die Probleme in der Pflege gesprochen wird. „Das Berufsbild ist beschädigt. Um Nachwuchs zu gewinnen, müssen wir wieder mehr die schönen Seiten herausarbeiten.“

Genau das passiert im Allgäu gerade. König und zwölf weitere Heimleiter haben sich zusammengeschlossen und gemeinsam mit dem Marketing-Unternehmen Allgäu GmbH eine Kampagne gestartet. Der Anstoß dafür kam aus der Kommunalpolitik. „Unsere Politiker vor Ort haben erkannt, dass es in der Pflege überall brennt“, berichtet Sivlia Knips. Sie ist Projektleiterin für die Nachwuchs-Offensive, ihre Stelle wurde 2017 geschaffen. Finanziert wird sie zum Großteil von den Landkreisen und kreisfreien Städten und den Trägern der Einrichtungen. Die Staatsregierung fördert die Initiative zusätzlich mit 35 000 Euro.

Knips wusste, dass sie eine gigantische Herausforderung vor sich hat, als sie vor knapp zwei Jahren mit ihrer Arbeit begann. Die Pflege zukunftsfähig machen – daran scheitern seit Jahren kluge Köpfe. „Mich reizt diese Aufgabe enorm“, sagt sie. Je weiter die Kampagne wächst, desto mehr.

Knips hat damit begonnen, alle Einrichtungen zu besuchen. Sie hat stationär mitgearbeitet und mit vielen Pflegebedürftigen gesprochen, um sich ein Bild zu machen. „Alle haben die Notwendigkeit erkannt, dass etwas passieren muss“, betont sie. Deshalb sei es auch so leicht gewesen, konkurrierende Akteure an einen Tisch zu bekommen. „Allein wäre es aussichtslos gewesen, etwas zu verändern“, sagt auch Heimleiter König.

Wer mit dem Auto im Allgäu unterwegs ist, wird seit einigen Monaten vielerorts große Plakate entdecken. „Dein Allgäu braucht Dich!“, steht darauf. Sie zeigen junge Menschen, die sich bereits für den Pflegeberuf entschieden haben. „Wir wollen damit die Wahrnehmung der Pflege im Allgäu ändern“, sagt Knips.

Die Plakate allein werden nicht für genug Nachwuchs sorgen, das ist Knips klar. Jetzt im August wird sie auch verstärkt die Social-Media-Kanäle nutzen, um die Kampagne voranzutreiben. Doch mindestens genauso wichtig sind die Maßnahmen, die die Heimleiter und sie zusammen erarbeitet haben, um den Beruf attraktiver zu machen: Dienstpläne mit festen freien Tagen nach Wunsch, ein Gehalt von 1045 Euro schon im ersten Lehrjahr, eine hochwertige Ausbildung, zu der auch eine persönliche Betreuung gehört. „Wir waren uns alle einig, dass man nur durch Wandel etwas verändern kann“, sagt Knips. So wollen die Initiatoren nicht nur junge Menschen für die Pflege begeistern, sondern bestenfalls auch Aussteiger zurück in den Beruf holen.

Trotzdem sagt Knips ganz deutlich: „Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland wird unser System irgendwann kollabieren.“ Im September geht in Kempten deshalb eine internationale Pflegeschule an den Start. Sie soll jährlich 100 Fachkräfte ausbilden. In Memmingen und Kempten sollen 2020 weitere Schulen entstehen. Aktuell gibt es knapp 40 Anmeldungen für die dreijährige Pflegeausbildung oder die einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer. Die Schüler kommen aus 13 Nationen – Vietnam, Südamerika, den Philippinen, Syrien. Die Initiatoren haben mit dem Kolpingverband einen weltweit vernetzten Partner für die Schule gefunden, der sie dabei unterstützt, Menschen aus aller Welt anzuwerben. Wenn sie mit der Schule beginnen, sprechen sie bereits auf B2-Niveau Deutsch. „Unser Ziel ist es, dass wir ein Viertel der nötigen Pflegekräfte über die Schule generieren“, sagt Knips. Dieses Ziel ist noch einige Jahre entfernt. Die Plakat-Kampagne zeige aber schon erste Erfolge, berichtet sie. „Die Zugriffe auf unsere Internetseite steigen kontinuierlich.“

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