Am Donnerstag dürfen sich diejenigen Bayern freuen, die in überwiegend katholischen Gegenden wohnen: Mariä Himmelfahrt ist dort nämlich ein gesetzlicher Feiertag. Das wichtigste Marienfest wird auch Frauentag genannt. Doch wie geht es den Frauen an diesem Festtag in der katholischen Kirche? In diesem Jahr haben sich vor allem im Westen Deutschlands Frauen zusammengeschlossen, weil sie in der Kirche mehr mitbestimmen und mitgestalten wollen. „Maria 2.0“ hat für Schlagzeilen gesorgt. Es wird diskutiert über den Zugang von Frauen zu kirchlichen Ämtern und über gleichberechtigte Verantwortung. Wir sprachen mit der Juristin Hiltrud Schönheit (59), Vorsitzende des Katholikenrats in der Region München, über Maria, die Frauen, Traditionen und unverzichtbaren Wandel.
Wie begehen Sie den Feiertag Mariä Himmelfahrt, Frau Schönheit?
Ganz ehrlich? Dadurch, dass wir aus einem Bundesland zugezogen sind, in dem dieser Tag kein Feiertag ist und wir in den ersten 20 Jahren hier in München um diese Zeit immer im Urlaub waren, ist mir das nach wie vor noch etwas fremd. Der 15. August ist erst in den letzten Jahren in mein Bewusstsein eingetreten – und seither gehen wir an Mariä Himmelfahrt auch in die Kirche.
Und nehmen einen Kräuterbuschn mit?
(schmunzelt) Nein. Da bin ich nach 22 Jahren in München wohl tatsächlich noch keine Bayerin. Hinzu kommt, dass ich lange Zeit mit der Heiligenfigur Maria unglaublich gefremdelt habe. Als Jugendliche war da noch eine selbstverständliche Religiosität, ohne dass meine Mutter eine übertriebene Marienverehrerin war. Später habe ich aber manche Form der katholischen Marienfrömmigkeit sehr infrage gestellt. Es steht ja nicht viel über Maria in der Bibel. Da war mir die evangelische, nüchterne Sicht auf Maria theologisch nachvollziehbarer. Später wurde mir klar: In einer Religion, die so männerfixiert ist, kann Maria für normale Frauen eine Person sein, die sie mit ihrer eigenen Religion versöhnt. Das hat mich ihr wieder nähergebracht.
Aber nicht der Maria, die als demütige und gehorsame Dienerin vermittelt wird.
Eher der Maria, die den Engel, der ihr verkündet, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen wird, fragt: Und wie stellst Du Dir das vor? Eine, die das verstehen will, die eigenständig denkt, die nachhakt. Das finde ich spannender. Man kann es als Aufforderung verstehen, seinen eigenen Verstand zu benutzen – egal, in welcher Situation man gerade ist. Und erst zuzustimmen, wenn man das Gefühl hat, man versteht es. Außerdem glaube ich, dass Maria in ihrer Zugewandtheit zu ihrem Kind unglaublich bewunderswert war. Das alles auszuhalten, ist für mich eigentlich die Größe der Frau.
Mariä Himmelfahrt wird auch Frauentag genannt. In diesem Jahr erscheint das in einem anderen Licht: Es gibt die Bewegung „Maria 2.0“, die mehr Mitbestimmung für die Frauen in der Kirche fordern, auch das Weiheamt. Was ist anders heute?
Grundsätzlich finde ich es toll, dass da was hochkocht. Meine Generation hat schon ganz viel in Frage gestellt. Viele, die mit den Problemfeldern in der Kirche nicht zurecht kamen, sind schon gegangen. Die, die geblieben sind wie ich, haben sich an diesen Gegebenheiten gerieben und irgendwann resigniert nach dem Motto: Wenn wir bei dem Laden bleiben wollen, müssen wir es irgendwie akzeptieren. Insofern finde ich es klasse, dass sich jetzt etwas tut. In der Vergangenheit waren es mehr die Revoluzzer von „Wir sind Kirche“, die auf Veränderungen gedrängt haben. Deshalb finde ich es ganz besonders spannend, dass sich dieser Widerstand von „Maria 2.0“ in Münster gebildet hat: Das sind Frauen meiner Generation oder sogar älter, die ganz bestimmt nicht in dem Geruch stehen, mit „Kirche von unten“ unterwegs gewesen zu sein. Dieser Protest ist mittlerweile bei den ganz normalen Frauen auf dem Land angelangt. Ich hoffe einfach, dass das die Bischöfe unruhig macht. Das ist das Fußvolk, das sich jetzt bemerkbar macht. Wenn die Bischöfe nicht aufpassen, sind sie bald Könige ohne Land, dann ist keiner mehr in der Kirche.
Hier in Bayern scheint „Maria 2.0“ bei den Frauen aber nicht viel Unterstützung zu erfahren.
Das ist erstaunlich. Die Aktion ist von ein, zwei Frauen in Münster gegründet worden. Dann hat dieses ganze Thema an Flughöhe gewonnen. Offensichtlich ist es über Bayern hinweggeflogen. Ist in der Schweiz, in Österreich gelandet. Da passiert richtig was.
Wie erklären Sie sich das?
Das kann ich nicht einschätzen. Ich kenne ganz viele Frauen, die das ganz toll und richtig finden. In der Gemeinde Mariä Himmelfahrt in München-Allach kommen die Frauen jetzt einmal im Monat als Zeichen des Protests in weißer Kleidung zur Kirche.
Man könnte ja meinen: Vielleicht geht es den Frauen im Erzbistum München und Freising ja vergleichsweise gut? Im Ordinariat gibt es viele weibliche Führungskräfte, es gibt eine Frauenkommission. Sind die Frauen hier dem Himmel näher?
Ich glaube nicht. Die Situation im Ordinariat ist sehr erfreulich. Da passiert eine ganze Menge. Aber darüber hinaus ist es einfach schwierig. Inwieweit diese Dinge in den Pfarreien wirklich ankommen, das hängt noch immer vom Pfarrer ab. Wenn der Pfarrer nicht will, dann geht nichts. Hier ist das Aufmüpfige noch nicht so verbreitet.
Aber nun soll ja einiges passieren: Die Bischöfe wollen mit den Gläubigen einen synodalen Weg beginnen im Herbst, auf dem auch Reformen diskutiert werden. Wird das Erfolg haben?
Eine Chance ist es auf jeden Fall. Die Erfahrungen der letzten Dialogrunden waren allerdings nicht gut. Jetzt geht es leider wieder schon damit los, dass man in der Öffentlichkeit nicht erfährt, nach welchen Kriterien die Teilnehmer ausgesucht werden.
Und inhaltlich?
Das Argument, man könne bei vielen Fragen wie Zölibat oder Diakonat der Frau die Entscheidung nicht hier in Deutschland treffen, mag ich eigentlich nicht mehr hören. Wenn es Dinge gibt, die tatsächlich geändert werden müssen, dann kann man nicht sagen: Das gehört nicht in unsere Kompetenz. Dann erwarte ich von den Bischöfen, dass sie sich dahinter stellen und entsprechend in der Weltkirche und in Rom dafür werben. Jetzt muss Farbe bekannt werden, auch von den Bischöfen.
Interview: Claudia Möllers